Bad Harzburg nutzt den demografischen Wandel und umwirbt alte Neubürger

Zahlungskräftige Senioren

Senioren im Kurzentrum Bad Harzburg: Die betagten Bürger werden nicht nur im Bewegungsbad umsorgt, sondern auch bei alltäglichen Erledigungen in der Innenstadt. Archivfoto: dpa

Bad Harzburg. Vor dem großen Sanitätshaus an der belebten Einkaufsstraße von Bad Harzburg steht ein Elektromobil vom Typ 4 W, ausgezeichnet zum „Angebotspreis“ von 6299 Euro. Tempo 15 soll das Gefährt schaffen „Viel Zubehör möglich“ heißt es auf dem Schild.

Wie zum Beweis ist ein metallener Schneeschieber angebracht. Ein paar Schritte weiter herrscht im Fleischerimbiss reger Betrieb. „Einmal die Eins zum Mitnehmen“, ruft der Rentner. Roulade mit Rotkohl packt die freundliche Frau hinter dem Tresen auf den Styroporteller und verschweißt ihn mit Alufolie. In der Sparkasse am Bahnhof ist neben jedem Geldautomat eine Gummi-Halterung montiert – zum Abstellen von Krückstöcken.

Das Städtchen Bad Harzburg am nördlichen Fuß des Harzes hat sich voll auf seine älteren Mitbürger eingestellt. Senioren gelten hier nicht als Last, sondern als zahlungskräftige Kundschaft. „Wir klagen nicht über den demografischen Wandel. Wir nutzen ihn“, sagt der Bürgermeister Ralf Abrahms selbstbewusst. 53 Jahre alt ist das grüne Stadtoberhaupt, „genau die Mitte meiner Bürger“. Im September bei der Kommunalwahl wurde er mit 63 Prozent trotz Gegenkandidaten von SPD und CDU für weitere acht Jahre wiedergewählt.

21 800 Einwohner zählt seine Stadt, vor zehn Jahren waren es noch 23 200. Der jährliche Schwund hält sich aber im Vergleich zu den anderen Harz-Kommunen in Grenzen. „Ab 30 haben wir Wanderungsgewinne“, berichtet Abrahms. Mit gezielten Aktionen lockt die Stadt neue Einwohner an. Bürger bekommen für einen erfolgreich vermittelten Zuzug 100 Euro Prämie. Bad Harzburg präsentierte sich in Utrecht auf der niederländischen Auswanderermesse. Die ersten Interessenten aus dem Nachbarland haben sich für den Sommer angemeldet.

Die Stadt wirft ihre extrem günstigen Immobilienpreise, die guten Verkehrsanbindungen, ein umfangreiches Betreuungsangebot sowohl für Kinder als auch Ältere und eine niedrige Kriminalitätsrate in die Waagschale. „Wir sind für Familien und Senioren sehr attraktiv“, rührt der Bürgermeister die Werbetrommel. Und echte Einwohner seien wertvoller als die Touristen. „Der Bürger, der 365 Tage hier sein Geld ausgibt, ist mir lieber als der flüchtige Gast.“

Konkurrent Herzberg

Die Konkurrenz ist allerdings nicht weit weg. Auf Senioren von auswärts setzt auch Herzberg. Mit Reklame-Flyern macht der schrumpfende 12 000-Einwohner-Ort bei großen Firmen wie VW oder Airbus auf sich aufmerksam. Im Visier hat Bürgermeister Gerhard Walter dabei künftige Rentner mit guten Altersbezügen. Er lockt ebenfalls mit preiswerten Immobilien. Seine Stadt erhebt im Gegensatz zu Bad Harzburg keine Zweitwohnungssteuer; auch Kurtaxe und selbst Parkgebühren gibt es nicht. Preiswerter, sagt Walter, könne man es im Harz nicht haben.

Von Peter Mlodoch

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