„Ich habe nichts zu verlieren“

Zehntausende Kosovaren machen sich über Ungarn in den Westen auf

Verzweifelt: Unser Bild zeigt eine Mutter aus dem Kosovo mit zwei Kindern, die nach ihrer Ankunft in einem Flüchtlingslager in Tränen ausbricht. Archivfoto: dpa

Asotthalom. Kinder wimmern, Männer fluchen. Schneeregen peitscht über das graue Schilf, während mehrere Dutzend illegaler Grenzgänger über eine umgeknickte Weide durch knietiefes Wasser von Serbien nach Ungarn waten.

„Freiheit“ jubiliert ein Anorakträger, als er südlich der Landgemeinde Asotthalom die ungarische Böschung des halb ausgetrockneten Grenzkanals erklimmt. „Ist das Ungarn?“, vergewissert sich ein fröstelnder Familienvater. Bei der Frage wohin er wolle, zuckt der hagere Mann mit den Schultern: „Deutschland, Österreich, Frankreich, ganz egal, Hauptsache weg: In Kosovo ist es kein Leben mehr.“

Mit drei Kindern und seiner Frau hatte sich der Kosovo-Albaner aus der Provinzstadt Decani (Decan) in einem überfüllten Bus in die serbische Stadt Subotica unweit der ungarischen Grenze aufgemacht. 200 Euro pro Person sollen von da aus die kurzen Schlepperdienste bis zur nur wenige Kilometer entfernten Grenze betragen. Die letzten Meter durch den versumpften Grenzkanal haben die Immigranten alleine zu gehen. Auf Hindernisse stoßen sie an der erstaunlich durchlässigen Schengengrenze kaum.

Laut Schätzungen in Kosovos Presse sollen sich in den vergangenen drei Monaten 40 000 bis 50 000 Landsleute in Richtung Westen aufgemacht haben. Allein seit Jahresbeginn haben nach Angaben ungarischer Behörden über 20 000 Kosovaren die grüne Grenze überquert. 60 000 Kosovo-Albaner haben nach Angaben von Serbiens Innenministerium in den letzten Wochen den serbischen Pass beantragt, der zur visafreien Einreise in die Schengenländer berechtigt. Hält der Aderlass an, könnte der 1,8 Millionen zählende Staatenneuling in wenigen Monaten ein Zehntel seiner Bevölkerung verlieren.

Nervöse Stimmung 

Als Ungarns am nächsten gelegene Gemeinde zu Serbiens Schlepperhochburg Subotica sei Asotthalom besonders von der Immigration betroffen, sagt dessen Bürgermeister Laszlo Toroczkai. Nicht nur wegen der Feuer und hinterlassenen Müllberge im Wald sei die Lage und Stimmung im Dorf „nervös“, berichtet der für die nationalistische Jobbik-Partei in sein Amt gewählte Bürgermeister.

Ausgelassenen Freudenfeiern hatten am 17. Februar 2008 Kosovos Unabhängigkeitserklärung von Serbien begleitet. Am tristen Alltag hat sich wenig geändert. Ein Drittel der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze. Die Arbeitslosenrate wird auf 45 Prozent, die Jugendarbeitslosigkeit auf 75 Prozent geschätzt: Die meisten Familien hängen am Tropf der Überweisungen ihrer emigrierten Verwandten in der Fremde.

„Schon seit sie ihr neues Parlament bauten, ging es bergab“, erzählt ein Grenzgänger. „In unserer Regierung sind alles Kriminelle, denen unser Leben völlig egal ist.“ Wie während des Kosovokriegs vor 15 Jahren wolle er sich nun um Asyl in Deutschland bemühen: „Ich spreche Deutsch – und will dort einfach eine Arbeit finden. Ich habe ohnehin nichts zu verlieren.“ (yeu)

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