Architekten wollen Holz-Wohn-Elemente für Flüchtlinge

Zeltstädte: Angst vor dem Winter

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Angekommen nach der Flucht: Die kurdische Familie Dogan – von links: Mutter Süreyya mit Baby Yusuf, Sohn Özcan, Sohn Enes und Vater Selim – packt in der Landesaufnahme Osnabrück ihre Sachen aus. Wie lange sie dort bleiben, ist erst einmal unklar.

Kommunen und Kreise suchen händeringend Unterkünfte für Flüchtlinge. Jetzt haben Architekten und Stadtplaner einen Vorschlag gemacht. Sie wollen Wohn-Module aus Holz entwerfen, die dann überall preiswert aufgebaut werden können. Doch das braucht Zeit.

Variable Wohn-Module aus Holz als Alternative zu Zeltstädten - dies schlagen Architekten und Stadtplaner als preiswerte Lösung für Flüchtlingsunterkünfte vor. Denn der Strom der Flüchtlinge ebbt nicht ab und die Zeit drängt. Spätestens „ab Oktober wird es ungemütlich kalt, es wird gelegentlich stürmen, später kommt der Schnee und in unserem Land darf kein Mensch erfrieren, der hier Schutz vor Krieg und Gewalt sucht“, umreißt Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg (63), Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes, das Problem.

Allein das Land Hessen braucht für 8000 Menschen in absehbarer Zeit feste Gebäude. Für Niedersachsen lag keine Zahl vor. Die Zeltstadt in Kassel-Calden sei nur eine vorübergehende Lösung - wie grundsätzlich alle Zelte, sagt Esther Walter, Sprecherin des hessischen Ministeriums für Soziales und Integration. Gestern wurde eine Unterkunft in Bensheim errichtet, in Kassel-Niederzwehren kommt demnächst eine weitere Unterkunft dazu. „Zudem werden intensiv Liegenschaften geprüft“, sagt Walter. Die Stadt Ronnenberg bei Hannover will ab Herbst ein nicht mehr benutztes Erotikhotel als Unterkunft für 25 Menschen nutzen. Die niedersächsischen Jugendherbergen haben vereinbart, in der kälteren Jahreszeit mindestens acht Häuser für Flüchtlinge zu nutzen.

Kurzfristig werden sich alle Unterkunftsnöte nicht lösen lassen, „Wir alle müssen anerkennen, dass wir das Problem der Unterbringung von Asylsuchenden mindestens auf die Dauer von fünf Jahren haben werden und deshalb langfristige Finanzierungs- und Maßnahmepläne beschlossen werden müssen“, sagt Schenck zu Schweinsberg. Das werde ein Kraftakt, der neben „der weiterhin nötigen provisorischen Lösung akuter Notlagen gestemmt“ werden müsse. Zeltstädte dürften nur „eine begrenzte Notlösung sein“.

Für den Winter kommen die Module zu spät. Denn die Planung des Entwurfs werde drei Monate dauern, die Bauzeit läge bei drei Wochen. Vorausgehen soll ein Architektenwettbewerb. Letztlich geht es um das beste Modell zum besten Preis. Das alles braucht Zeit. „Mit vier bis sechs Monaten auf erschlossenen Grundstücken“, rechnet Thomas Kelp, DRK-Landesgeschäftsführer Hessen. Der Vorschlag der Architektenkammer sei wichtig, sagt er, sonst „stehen wir im Sommer 2016 an der gleichen Stelle wie heute“.

Die Nassauische Heimstätte beschäftigt sich seit März mit Wohn-Modulen. In bis zu zehn Kommunen sollen sie getestet werden. Derzeit gehe es noch um Einzelheiten, das Modell und die Test-Kommunen stünden noch nicht fest, sagt Sprecher Jens Duffner. „Es soll aber in diesem Jahr losgehen.“

Das Problem werden die Grundstücke sein, vermutet Kelp: „Städte und Gemeinden werden sich in vielen Fällen sträuben, Grundstücke mittel- und langfristig anzumieten oder zur Verfügung zu stellen.“ Wenn man einen Investor interessieren will, müsste man ihm eine Perspektive von fünf bis zehn Jahren bieten, damit es sich rechnet, so Kelp.

„Die Idee ist nicht verkehrt, aber keine, die die Not sofort lindern kann“, sagt Stephan Gieseler, Direktor des Hessischen Städtetags. In den Städten fehle der Platz, auf dem flachen Land gebe es Platz, aber es passt nicht, wenn „man eine Unterkunft für 50 Personen in einem 200-Seelen-Ort ansiedelt.“

Stichwort: Holz-Wohn-Module für Flüchtlinge

Variable Wohn-Module aus Holz in flacher Bauweise können nach Einschätzung von Architekten und Stadtplanern attraktive und preiswerte Unterkünfte für Flüchtlinge schaffen. Ziel seien „gestalterisch befriedigende, preiswerte Lösungen, um den Eindruck einer unwürdigen Unterbringung zu vermeiden und gleichzeitig ein Signal der Willkommenskultur auszusenden“, heißt es in einem Positionspapier der Architekten- und Stadtplanerkammer Hessen (AKH).

Dezentrale Lösungen in den Städten und Gemeinden allein reichten nicht aus. Es müssten Mindeststandards der Unterbringung definiert und verbindlich für die Betreiber von Asylbewerberheimen sein, so die Kammer. Das mache die Module über Jahre flexibel einsetzbar. Derzeit arbeitet die Kammer an einem Pilotprojekt, sagt Geschäftsführer Rolf Toyka.

Um geeignete Flächen für die Unterkünfte zu finden, will die Kammer zudem mit Wohnungsbaugesellschaften zusammenarbeiten. Die Wohnungswirtschaft habe viele Grundstücke „mit Nachverdichtungspotenzial“ - also Flächen, die bereits bebaut sind, bei denen die Fläche aber noch ganz ausgeschöpft ist. Die schwierige Suche nach solchen Grundstücken und die Baugenehmigungsverfahren kosteten aber Zeit.

Flüchtlinge in Zahlen

• Im ersten Halbjahr 2015 wurden laut dem Bundesamt für Migration und Flüchtlinge in Hessen 12 594 Asylanträge gestellt, in Niedersachsen waren es 14 694. Bundesweit lag die Zahl im ersten Halbjahr 2015 bei 179 037 Anträgen.

• Für die Unterbringung, medizinische und - falls nötig - Psychosozile Hilfen und die Integrationsarbeit und ordnungsbehördliche Maßnahmen und dergleichen erhalten die Städte und Gemeinden Pauschalen pro Person. Sie sind von Bundesland zu Bundesland unterschiedlich und variieren auch innerhalb eines Bundeslandes. In Niedersachsen liegt die Pauschale bei 516,25 Euro pro Monat. In Hessen sind die Werte varrieren die Summen: Frankfurt 515,54 Euro, Kassel 448,25 Euro, in den Landkreisen Hersfeld-Rotenburg, Schwalm-Eder, Waldeck-Frankenberg und Werra-Meißner sind es 407 Euro.

DRK als Unterkunftsbetreiber

• Das DRK betreut auf Anforderung deutscher Behörden derzeit bundesweit insgesamt 15 100 Flüchtlinge in 45 Notunterkünften, davon 4300 Menschen in neun Zeltcamps.

• Das DRK stellt zum Beispiel Zelte, Feldbetten und Lebensmittel zur Verfügung. Die Hilfsbereitschaft vor Ort sei außerordentlich groß, betont Donata Freifrau Schenck zu Schweinsberg, Vizepräsidentin des Deutschen Roten Kreuzes. Viele Menschen würden den örtlichen Notunterkünften Kleider oder Spielzeug spenden oder ehrenamtlich mithelfen.

• Viele DRK-Flüchtlingsunterkünfte suchen aber noch Helfer, die Wäschepakete zusammenstellen, bei der Essensausgabe helfen oder Qualifikationen haben, um Dolmetschertätigkeiten oder die Kinderbetreuung zu übernehmen, Freifrau Schenck zu Schweinsberg.

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