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Umstrittener Online-Pranger für Rechte: Darf man Nazis mit Nazi-Methoden bekämpfen?

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Von: Matthias Lohr

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So wirbt das Zentrum für politische Schönheit auf www.soko-chemnitz für seine Suche nach rechten Straftätern.
So wirbt das Zentrum für politische Schönheit auf www.soko-chemnitz für seine Suche nach rechten Straftätern. © Zentrum für politische Schönheit

Das Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit denunziert im Internet Rechtsradikale und bietet sogar Geld für Hinweise. Darf man Nazis mit Nazi-Methoden bekämpfen?

Seit Montagmorgen weiß die Welt, dass Thomas W. ein Nazi ist. Auf der Webseite www.soko-chemnitz.de wird er als rechter "Schildträger" entlarvt. Vor drei Monaten marschierte er bei den rechten Demonstrationen von Chemnitz mit. Außerdem warb der "Heimatbewegte" bei der sächsischen Kommunalwahl für die Liste„Niederdorfer Bürger“. Und auf einer Demo hielt er ein Schild mit Merkel-Foto und den Worten „Die Königin der Schlepper – Merkel muss weg“ hoch.

So steht es auf der gerade freigeschalteten Website, die per Grafik zeigt, wie rechts Thomas W. ist, als könne man die politische Haltung wie die Lufttemperatur messen. Er werde gesucht wegen "Verdacht auf unerlaubte Entfernung von der Demokratie". Nutzer können weitere Hinweise auf etwaige Aktivitäten des Mannes senden und sogar seinen Chef kontaktieren.

Das alles ist keine Satire, sondern Realität. So stellt es zumindest das Künstlerkollektiv Zentrum für politische Schönheit dar, das dazu aufruft, Teilnehmer der rechten Demonstrationen zu denunzieren, die Ende August in Chemnitz stattfanden. Ist das der Aufstand der Anständigen gegen den rechten Mob oder ein Schritt Richtung 1933? Darf man Nazis mit Nazi-Methoden bekämpfen? Auf jeden Fall ist es eine der provokativsten Kunstaktionen des Jahres.

Eklat bei Björn Höcke

Damit kennt sich das 2008 vom deutsch-schweizerischen Aktionskünstler Philipp Ruch gegründete Kollektiv aus. Aus Protest gegen die EU-Flüchtlingspolitik ließ die 70-köpfige Gruppe 2015 in Berlin eine Frau beerdigen, die angeblich im Mittelmeer ertrunken war. Im vorigen Jahr stellten sie vor dem Haus des AfD-Rechtsaußen Björn Höcke in Bornhagen bei Witzenhausen eine Kopie des Berliner Holocaust-Mahnmals auf. Manche fanden das wichtig und mutig, Kritiker bezeichnen die Kunst von Ruch dagegen als "politische Pornografie" und "hirnrissigsten Dreck". Selten ist Kunst so öffentlichkeitswirksam.

Bereits jetzt wird heftig über die Soko Chemnitz diskutiert, die die Künstler so rechtfertigen: "Wir personalisieren das Grauen. Wir geben dem Bösen ein Gesicht. Wir wollen den Rechtsextremismus in Deutschland raus aus der Anonymität hieven." Dazu haben sie angeblich drei Millionen Bilder von 7000 Verdächtigen ausgewertet. Bewusst inszeniert das Zentrum den Tabubruch, wenn es fragt: "Wo arbeiten diese Idioten?" Für sachdienliche Hinweise werden 90 Euro Belohnung ausgelobt. Auch Musterschreiben für eine "wasserdichte Kündigung für einen Hitler-Bewunderer" gibt es auf der Website. Die Telefonnummer, die man für Hinweise anrufen soll, führt zur Polizei Chemnitz. Würden die Bilder tatsächlich reale Personen zeigen und nicht Künstler, wie manche vermuten, könnte das für das Kollektiv juristische Konsequenzen haben.

Antifa argumentiert ähnlich

Natürlich sind sich die Künstler bewusst, dass sie nun das machen, was Rechtsextreme schon längst machen. Allerdings habe das bei Nazis nur ein Ziel: "das Wegsperren oder sogar Töten von politischen Gegnern nach einer etwaigen Machtübernahme." Heiligt der Zweck also die Mittel? Nein, denn damit könnte man fast alles begründen. Teile der Antifa argumentieren ähnlich, wenn sie Gewalt legitimieren wollen. 

Selbstverständlich hat sich jeder der Demonstranten selbst dazu entschieden, in Chemnitz Parolen wie "Wir sind die Fans - Adolf Hitler Hooligans" zu brüllen und verfassungsfeindliche Zeichen zu tragen. Dem nachzugehen und das zu ahnden, ist jedoch Aufgabe von Polizei und Justiz und nicht von Künstlern. Wenn nun der "Schildträger" Thomas W. seinen Job verlieren sollte, weil die Soko Chemnitz ihn an den Pranger gestellt und damit in der öffentlichen Meinung auch verurteilt hat, ist dies das ziemliche Gegenteil von "Haltung zeigen", wie es auf der Webseite heißt, sondern ganz nah an der AfD, die parteikritische Lehrer an den Pranger stellt.

Zentrumsgründer Rauch sagt von sich, er sei weder links noch rechts. Seine Position sei stets die eines "aggressiven Humanismus". Aggressiv ist die jüngste Aktion seines Kollektivs, aber sicher nicht humanistisch. Sein Zentrum für Politische Schönheit sieht er als "das moralische Heizwerk der Republik. Die Temperaturen steigen kontinuierlich an". Mit der Soko Chemnitz sorgt er mit dafür, dass das Land bald Feuer fangen könnte.

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