Zwischen Schuld und Trümmern

Gründung in Treysa: 70 Jahre Evangelische Kirche in Deutschland

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Gründungsväter der EKD: Theophil Wurm (links) und Martin Niemöller im August 1945 im Diakoniezentrum Hephata.

Kassel/Treysa. Vor 70 Jahren hat sich sich die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) in Treysa gegründet. Ein Rückblick von Ullrich Riedler

Der Rahmen hätte kärglicher kaum sein können: Auf den Tischen der diakonischen Behinderteneinrichtung Hephata in Treysa standen rote Beete und Pfefferminztee. „Viele Delegierte brachten Rücksäcke voller Kartoffeln und Wurststücke mit“, erinnerte sich der amerikanische Pastor Stewart Herman über die erste evangelische Kirchenversammlung in Deutschland vor 70 Jahren.

Mitten im zertrümmerten Deutschland hatten 120 Männer aus 28 Landeskirchen am 31. August 1945 in der Schwalm den Neuanfang gewagt. Die Evangelische Kirche Deutschlands (EKD) trat an die Stelle der 1933 gegründeten, staatsfixierten „Deutschen Evangelischen Kirche“. Der neue Protestantismus sollte ein anderer sein - darin waren sich alle einig.

Wenn heute anläßlich dieses historischen Datums der Ratsvorsitzende, Landesbischof Heinrich Bedford-Strohm, beim Festakt in der Hephata-Kirche in Schwalmstadt-Treysa seine Andacht hält, wird er auch auf die Bedeutung dieser Einschnitt verweisen. Denn in Treysa war als Hauptaufgabe der EKD ihre öffentliche, soziale und politische Verantwortung festgelegt worden.

Dabei waren die Pläne der Kirchenvertreter unterschiedlich. So strebte Bischof Hans Meiser (1881-1956) aus München eine Konfessionskirche der Lutheraner an, in der die reformierten und unierten Protestanten nur am Rande vorkommen sollten. Martin Niemöller (1892-1984) dagegen plädierte für eine „Kirche von unten“: Von den Gemeinden her sollte sie sich aufbauen und ihre Schuld am Nazi-Unheil bekennen.

Dass es nicht zum Zerwürfnis kam, war vor allem dem Stuttgarter Bischof Theophil Wurm (1868-1953) zu verdanken. Er galt wegen seines Protests gegen das Euthanasie-Programm der Nationalsozialisten zur Tötung geistig behinderter Menschen als moralische Autorität. Seit 1941 verfolgte er ein kirchliches Einigungswerk. Die Kirchenvertreter einigten sich in Treysa schließlich auf einen Kompromiss: die vorläufige Ordnung für die EKD und die Eigenständigkeit der Landeskirchen.

Eine Lektion aus den Erfahrungen des „Dritten Reiches“ war die neue Führungsstruktur mit einem zwölfköpfigen Rat an der Spitze, zu dem auch der spätere Bundespräsident Gustav Heinemann zählte. Erster EKD-Ratsvorsitzender wurde Wurm, sein Stellverteter Nie- möller. Im Oktober 1945 bekannten die Protestanten in der Stuttgarter Erklärung ihre Mitschuld am Nazi-Unheil. Dieses Bekenntnis ebnete dem deutschen Protestantismus die Rückkehr in die Ökumene.

„Die Kirche begegnet durch die Zeit immer wieder neue Herausforderungen,“ sagt der aktuelle Ratsvorsitzende Heinrich Bedford-Strohm. Aus dem Glauben wachse auch Verantwortung: „Dass wir uns heute mit Denkschriften an die Öffentlichkeit wenden, hat in dieser auf dem Boden von viel Irrtum und daraus entstandenem Leid gewachsenen Erkenntnis seine Wurzel.“

Festakt: Samstag, 30. Mai, 11 Uhr, Hephata-Kirche in Schwalmstadt-Treysa

Stichwort: EKD

Die evangelische Kirche in Deutschland (EKD) ist die Gemeinschaft der 20 evangelischen Landeskirchen in Deutschland mit 23,4 Millionen Protestanten. Leitungsgremien sind die EKD-Synode, die Kirchenkonferenz mit Vertretern der Landeskirchen sowie der aus 15 Mitgliedern bestehende Rat. Ratsvorsitzender ist Heinrich Bedford-Strohm.

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