Analyse: Das zynische Spiel der Hamas

Es ist ein zynisches Spiel der Hamas: Während alle Welt jetzt wieder den vermeintlichen Aggressor Israel kritisiert, der sich an angeblich wehrlosen Palästinensern vergreift, sitzen die hohen und mittleren Funktionäre der Terrorgruppe gut verbunkert im Gazastreifen und lassen erneut Zivilisten auf beiden Seiten den Preis ihrer Politik bezahlen.

Es ist ein schlechter Witz anzunehmen, salafistische Einzelgänger im Gazastreifen würden Israel auf eigene Faust attackieren. In Gaza herrscht die Hamas und niemand sonst.

Seit Tagen lässt sie einen Raketenhagel auf israelische Städte und Dörfer um den Gazastreifen niedergehen. Eine Million Menschen rundum lebt hier im Ausnahmezustand, ein Siebtel aller Israelis, jederzeit bereit, beim nächsten Alarm innerhalb von Sekunden aus Häusern und von der Arbeit zu fliehen und in die nächsten Schutzräume zu rennen. Kein Staat der Welt könnte sich leisten, so etwas tatenlos hinzunehmen.

Und die Hamas hat aufgerüstet. Zunehmend feuert sie sehr viel gefährlichere Katjuscha-Raketen statt der einfachen Kassam-Raketen ab. Die „eiserne Kuppel“, das israelische Raketenabwehrsystem, kann bei weitem nicht alle Geschosse abfangen.

Nach Erkenntnissen des israelischen Inlandsgeheimdienstes Schin Beth sind durch das ausgedehnte Tunnelsystem zwischen Gaza und Sinai sogar Mittelstreckenraketen aus vormals libyschen Beständen in die Hände der Hamas geraten. Damit könnte Tel Aviv ins Visier der Terroristen geraten und der internationale Flughafen Ben Gurion, die Schlagader der israelischen Wirtschaft. Anders als die Fatah des Palästinenserpräsidenten Mahmud Abbas, die sich im Westjordanland rund um Ramallah durchaus wirtschaftlicher Erfolge erfreut, hat die Hamas gute Gründe, ihren Konflikt mit Israel wieder anzuheizen. Weil sie sich im syrischen Bürgerkrieg nicht eindeutig auf die Seite des syrischen Prädidenten Baschar al-Assad stellte, musste der Hamas-Auslandschef Kalid Maschal Damaskus fluchtartig verlassen.

Der Iran stoppte seine Zahlungen an die Terrorgruppe. Die besinnt sich jetzt demonstrativ ihrer sunnitischen Glaubensrichtung und hat offenbar neue Geldgeber in Katar gefunden - ironischerweise größter und wichtigster Standort der US-Army im Mittleren Osten.

Mit zunehmendem Ärger sah die Hamas, dass zuletzt niemand mehr über den palästinensisch-israelischen Konflikt sprach, aber alle über die iranische Atombombe, die desaströsen Lebensbedingungen der unzufriedenen arabischen Massen und die tiefe Feindschaft zwischen sunnitischen und schiitischen Moslems in der gesamten islamischen Welt.

Die Hamas und ihre neuen Geldgeber haben kein Interesse an einem Krieg mit Israel, aber sehr viel Interesse an einem Dauerkonflikt, der ihnen hilft, von ihren eigentlichen Problemen abzulenken: ungerechten, gewalttätigen und ineffizienten Regimes, korrupten Eliten und anhaltender Perspektivlosigkeit.

Von Tibor Pézsa

 

Der Autor:

Dr. Tibor Pézsa (51), Leiter unserer Nachrichtenredaktion, bereiste in den vergangenen Tagen Israel, führte Gespräche mit Wissenschaftlern, Politikern sowie Militärs und besuchte das palästinensische Ramallah. Der gebürtige Bremer ist verheiratet und Vater dreier Söhne.

Das könnte Sie auch interessieren

Liebe Leserinnen und Leser,

wir bitten um Verständnis, dass es im Unterschied zu vielen anderen Artikeln auf unserem Portal unter diesem Artikel keine Kommentarfunktion gibt. Bei einzelnen Themen behält sich die Redaktion vor, die Kommentarmöglichkeiten einzuschränken.

Die Redaktion

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.