Afrika ohne Umwege

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Katzenliebe: In Namibia kann man Geparde in freier Wildbahn erleben.

Wildnis, so weit das Auge reicht: In Namibia, dem einstigen Deutsch-Südwestafrika, leben derart wenige Menschen, dass für die Natur noch genügend Platz ist. Im Buschland gibt es unzählige Tierarten.

Solitaire muss ein bedeutender Ort sein. Schon in Namibias Hauptstadt Windhoek weisen große Schilder den Weg dorthin. 250 Kilometer sind es, direkt durch die Wüste. Die Kulisse ist karg: Gipfel des Naukluft-Gebirges ragen aus der steinigen und nur spärlich bewachsenen Landschaft. Cornelius (38) jagt den Land Rover gnadenlos über die Wellblechpiste in Richtung Solitaire, eine riesige Staubfahne hinter sich herziehend. Der Tacho zeigt über 100 Stundenkilometer an. Die wenigen Farmen in der trockenen Einöde liegen weit auseinander. Von der Fläche her gesehen sind sie riesig. „10 000 Hektar sind hier das Minimum“, erklärt unser Guide Cornelius, der selbst Farmer ist. Wie viele seiner Kollegen verdient auch er zusätzliches Geld im Tourismus-Geschäft. Dann hat das Gerüttel für heute ein Ende: Cornelius hält auf einen dunkelgrünen Punkt in der Landschaft zu. Zypressen werfen ihre Schatten auf die Namibgrens Guest Farm, dem Quartier für diese Nacht. Farmer Frank Coetzee ist Herr über 450 Kühe und 1000 Schafe. Touristen kommen bei ihm nur sporadisch vorbei, was sich ändern soll. Ein neues Gästehaus ist schon im Bau. Er hat Wanderwege markiert, die zu Gipfeln mit spektakulären Ausblicken führen. Von der Namibgrens Guest Farm sind es nur wenige Kilometer zum Spreetshoogte Pass – eine abenteuerliche Strecke tief hinunter in die Wüste. Einzelne Moringa- und Köcherbäume mit ihren überproportional dicken Stämmen klammern sich an steile Abhänge. Strauße und Antilopen fliehen vor der sich nähernden Staubwolke.

Ein bedeutender Ort namens Solitaire: Die kleine Siedlung ist Tankstelle, Supermarkt und wegen der leckeren Backwaren nicht zuletzt Treffpunkt aller Apfelstrudel-Fans mitten in der Wüste.

Wieder weist ein Schild nach Solitaire. Ein paar Dächer tauchen in der sonnenverbrannten Ebene auf: eine Tankstelle, ein Laden, eine Lodge, ein Campingplatz. Das ist Solitaire! Wie schaffte es dieses gottverlassene Wüsten- Kaff, das sogar über Google Earth angeklickt werden kann, zu einer solchen Bedeutung? Das sei ganz einfach, sagt Cornelius: „Es ist der einzige Ort weit und breit, in dem sich die Farmer mit dem Nötigsten eindecken und tanken können.“ Wenn sie Glück haben, denn der Tankstelle wird nachgesagt, dass sie manchmal über mehr Bier im Kühlschrank verfüge als über Benzin im Tank.

Aber einen Stopp legt in Solitaire jeder ein, schon wegen des im ganzen südlichen Afrika berühmten Apfelstrudels, den es in der Gaststätte neben der Tankstelle gibt: süß, saftig und riesengroß! Im Sesriem Camp, 80 Kilometer weiter, kriechen wir in die Safari-Zelte. Es wird eine kurze Nacht. Der kernige Sound des Land Rovers verkündet: Raus aus dem Schlafsack!

Es ist noch stockfinster und das Kreuz des Südens funkelt am glasklaren Himmel. Schnell eine Tasse Tee, dann rumpeln wir los. Ziel ist das Sossusvlei mitten in der Namib-Wüste, ein Tal, das in eine bizarre Dünenlandschaft mündet. Nur in sehr wenigen guten Regenjahren erreicht das Wasser diesen Winkel, um hier endgültig vom Wüstensand aufgesaugt zu werden.

Am Ziel unserer Fahrt beginnt es zu dämmern. Zwei Schritte vor, einer zurück: Der Marsch über ständig nachrutschenden Sand der Dünen strengt an. Dafür erleben wir mit der aufgehenden Sonne ein von Minute zu Minute sich änderndes Spiel aus Licht, Schatten und Farben. Vor uns liegt das Dead Vlei, eine salzige Ebene, aus der schwarze Baum-Skelette.

Wildnis pur: Übernachtung in einem Safari-Camp.

Der Sand hat hier jeglichen Zufluss versperrt. Die Bäume sind längst abgestorben, verrotten aber in der trockenen Luft so gut wie nicht. Diese Landschaft wirkt wie das Werk eine surrealistischen Malers. Noch geht es barfuß am besten, doch die Sonne steigt und heizt den roten Sand brutal auf. Zur Besteigung der berühmten Düne 45 ist gutes Schuhwerk nötig, sonst würden die Füße schmoren. On the Gravel Road again: Die Fahrt durch den Namib Naukluft Park (fast so groß wie Bayern) führt zur Küste nach Walvis Bay und Swakopmund, eine halbe Tagesreise. Welch ein Kontrast zur Wüste: Hier wartet eine „Alte Brauereistube“ auf Gäste, Plakate laden zu einem Liederabend, in den sauber herausgeputzten Jugendstilhäusern spricht man Deutsch. Obwohl die 25 000-Einwohner- Stadt nur eine kurze Episode deutscher Kolonialgeschichte repräsentiert, ist sie wahrscheinlich die deutscheste Stadt außerhalb Deutschlands.

Der kühle Atlantik sorgt für ein angenehmes Klima, und etliche deutsche Rentner verbringen hier ihren Lebensabend. Die Skelettküste hat ihren Namen nicht von ungefähr. Manch schiffbrüchiger Seefahrer, der mit letzter Kraft diesen unwirtlichen Küstenstreifen erreichte, ist hier jämmerlich verdurstet. Robben fühlen sich indessen pudelwohl an dieser Küste. Zu hunderttausenden bevölkern sie das Cape Cross nördlich von Swakopmund und lassen sich von den Touristen auf den eingegrenzten Pfaden nicht stören.

Zurück in die Wüste. Am Horizont ragen spitze Berge in den Himmel. Ein Gipfel heißt denn auch Spitzkoppe. Unser nächstes Ziel ist der Brandberg, mit 2573 Meter Höhe das höchste Gebirge Namibias. Schon auf der Suche nach einem Platz für die Zelte am Fuß des mächtigen Massivs rennt ein Erdmännchen den Besuchern entgegen. Für Cornelius ein alter Bekannter: „Carlos hat schon auf uns gewartet.“ Das Tierchen zeigt keinerlei Scheu, es lässt sich streicheln, auf den Arm nehmen und am Bauch kraulen. Dabei quietscht der Kleine vor Begeisterung.

Sein Schicksal ist eigentlich traurig, denn Erdmännchen sind von Natur aus gesellig. Doch seit sein Erdweibchen ein jähes Ende unter einem Geländewagenreifen fand, führt Carlos ein Junggesellenleben und schmiegt sich nachts lieber an Menschen. Die Zelte stehen kaum, da öffnet er mit seinen langen Krallen geschickt die Reißverschlüsse und kriecht in einen Schlafsack. Um den Brandberg stapfen Elefanten, die sich an das karge Leben der Wüste angepasst haben. Frische Dungknödel weisen den Weg zu den Herden – wenn man Glück hat. Wir haben Pech, die mächtigen Dickhäuter haben sich im kargen Buschland gut versteckt. Macht nichts angesichts der Vielfalt der Wüsten-Fauna.

Dazu genügt oft bloß ein Schritt vors Zelt: Springböcke schauen hinterm Gebüsch hervor, Leguane huschen übers Gestein und Tokus mit ihren überdimensionalen Schnäbeln warten darauf, dass ein Häppchen für sie abfällt. Und – auch das erwartet man in dieser Einöde kaum: Über 28 000 Jahre alte Felsengravuren zeugen von einer uralten Kultur in Namibia, das damals wohl wesentlich fruchtbarer war als heute. Die Gravuren und Malereien sind Weltkulturerbe.

Autor Eberhard Unfried

REISE-INFOS ZU NAMIBIA

REISEZIEL Namibia grenzt an Südafrika im Süden, östlich liegt Botswana, und die nördliche Grenze bildet Angola. Das Staatsgebiet der einstigen deutschen Kolonie umfasst 824 292 km² und ist mehr als doppelt so groß wie Deutschland. Mit etwas über zwei Millionen Einwohner ist Namibia extrem dünn besiedelt. Die Wüsten Namib und Kalahari prägen die Landschaft, ebenso weite Ebenen, hohe Berge, die größten Sanddünen der Welt, tiefe Canyons und fast unberührtes Buschland mit einer riesigen Vielfalt an Wildtieren.

ANREISE LTU fliegt von München aus jeden Freitag nach Windhoek, die Rückflüge erfolgen samstags. Preis: ab 638 Euro pro Person. Rundreisen Dertour bietet eine Reihe verschiedener Safari- Rundreisen an. Die neuntägtige Reise „Wüste, Küste, wilder Norden“ (siehe Bericht) kostet ab 1339 Euro pro Person, inklusive aller Übernachtungen, Verpflegung, Eintrittsgelder. Diese Reise ist mit weiteren Rundreisen kombinierbar. Mindesteilnehmerzahl: zwei Personen.

EINREISE Der Reisepass genügt, er muss aber noch mindestens 6 Monate gültig sein.

GESUNDHEIT In den Feuchtgebieten des Nordens (Okavango etc) besteht ein hohes Malaria-Risiko, nicht aber in den trockenen Wüstenregionen. Wegen der Bilharziose-Gefahr wird vor einem Bad in den Binnengewässern abgeraten. Sinnvoll ist eine Hepatitis- Impfung. Wer aus Gelbfieber-Gebieten einreist, muss eine Impfbescheinigung vorweisen. Wegen der hohen Aids-Gefahr in ganz Schwarzafrika wird vor Sexualkontakten dringend gewarnt. Wichtig bei Wüstenwanderungen: Sonnenschutzmittel mit hohem Lichtschutzfaktor auftragen!

AUSRÜSTUNG Wegen der Sonnenbrand-Gefahr sind auch bei großer Hitze langärmlige Kleidung und eine Mütze sinnvoll. Nach Sonnenuntergang wird es kühl, eine leichte Fleece-Weste gehört in den Rucksack. Für die Nächte im Safari-Zelt benötigt man eine Taschen- bzw. Stirnlampe, sinnvoll ist auch ein Innenschlafsack – am besten aus leichter Seide. Sonnenbrille, Insektenschutzmittel, Toilettenartikel. Schuhwerk: leichte Wanderschuhe mit hohem Schaft wegen Sand, Steinen und Kleingetier. Genügend Akku- Kapazität für die Kemeras.

GELD Für einen Euro erhält man rund einen namibischen Dollar, der genau dem Wert eines südafrikanischen Rand entspricht. Getauscht werden kann nur in Banken und größeren Hotels. Kreditkarten: Am häufigsten akzeptiert werden Visa und Master Card.

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