Spanische Enklave Melilla: Zollfreier Einkauf und Nebeneinander der Kulturen

Afrikanisches Spanien

Standhafte Festung: Durch ihre exponierte Lage am Meer war die Zitadelle von Melilla jahrhundertelang das Bollwerk gegen Rückeroberungsversuche durch Berberstämme. Fotos: Rohm

Bevor wir zur jahrhundertealten Festung mit der zwischen den Mauern liegenden Altstadt gehen, bewundern wir das Rathaus im Art Deco-Stil der Dreißiger Jahre. Es war das letzte von über 150 Häusern, die der Architekt Enrique Nieto über das Stadtgebiet von Melilla verteilt entworfen hat. Von 1905 bis 1949 wirkte der Gaudi-Schüler hier und prägte das Straßenbild der spanischen Stadt in Nordafrika mit Art Nouveau- und Jugendstil-Gebäuden im Zuckerbäckerstil bis zu späteren Entwürfen mit geometrischen Linien im Stil des Art Deco. Insgesamt neunhundert Häuser dieser Bauart finden sich im Zentrum der 80 000 Einwohner zählenden Stadt. Damit besitzt Melilla nach Barcelona die zweithöchste Zahl an Art-Deco-Gebäuden Spaniens.

Neben den Art-Deco-Häusern ist die Festung touristische Attraktion der nur zwölf Quadratkilometer großen Enklave. Seit 1497 verteidigten sich in den Mauern und Kasematten die Spanier gegen Truppen der Sultane von Fez und Berber-Stämme, die wieder und wieder gegen den am Meer gelegenen Festungsbau anrannten. Monatelang dauerten die Belagerungen. Stadtführer erklären in den touristisch erschlossenen Höhlengängen der Festung, wie die Verteidiger überlebten.

Heute funktioniert das Zusammenleben besser. Rund um die Plaza España, am Hafen und der zwei Kilometer langen Strandpromenade bestimmen Kirchen und Moscheen der verschiedenen Religionen, der Christen, Moslems und Juden, das Bild. Touristen und Einheimische schlendern durch Straßen mit altmodischen Schaufensterdekorationen in Kolonialstilgebäuden, die wie Wildwest-Film-Kulissen aussehen. Es herrscht eine Stimmung, die an die frühen Achtziger Jahre in Andalusien erinnert – und an West-Berlin. Auch Melilla ist eine hochsubventionierte Insel umgeben von „gefährlichem Ausland“. Die Spanier erhalten bis zu sechzig Prozent „Enklavenzulage“ beim Lohn, billige Flüge und Schifffahrten zum Festland und zollfreien Einkauf von Konsumgütern.

Der bestes Fisch Spaniens

Innerhalb der durch einen kilometerlangen Zaun umschlossenen Stadt kann man das Leben genießen – mit zuckersüßem Pfefferminztee in den Cafés und ausgezeichneter Küche. Besonders die Mischung von spanischer und afrikanischer Küche ist bei den Besuchern von Melilla beliebt.

Dazu gehört der nach Meinung der Einheimischen beste Fisch Spaniens, der eigentlich aus der Küste vor Marokko stammt. Beim Besuch im Hafenrestaurant La Pérgola oder dem in die Kasematten der Zitadelle gebauten Restaurant La Roca speisen Touristen und Einheimische saftige Garnelen und vorzüglichen Mittelmeerfisch wie Dorade oder Seeteufel. Auch moderne Vorspeisen wie Krebsfleisch mit Mayonnaise und Äpfeln finden sich auf der Speisekarte. Dazu trinkt man weiße Weine aus Galizien.

Länger als zwei, drei Tage bleibt kaum ein Tourist in Melilla, dann hat man alles gesehen, günstig zollfrei eingekauft und fährt weiter. Entweder zurück nach Andalusien – oder nach Marokko.

Franz Michael Rohm

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