Eine Reise durch das Storchenparadies Extremadura

Alte Bauten, junges Glück

Meister Adebar im Anflug: Rund 12 000 Storchenpaare brüten in der Extremadura in Südwestspanien. Fotos: Willenberg

Dem Volksglauben nach brüten Störche nur auf Häusern, in denen Frieden herrscht. Somit dürfte Cáceres eine der glücklichsten Städte der Welt sein. Wohl kein anderer Ort zählt so viele Rotschnäbel wie das städtebauliche Kleinod in der spanischen Extremadura. Türme und Dächer von Kathedralen, Klöstern und Adelspalästen aus dem 16. Jahrhundert dienen als Kinderstube für den mythischen Vogel. Das einträchtige Nebeneinander von Mensch und Tier macht den besonderen Reiz von Cáceres aus, dessen Reichtum das Gold und Silber der Konquistadoren begründete.

In Cáceres herrscht für Störche Wohnungsnot

Wenn die Störche im Frühjahr aus Afrika zurückkehren, erfüllt ihr Geklapper die romantischen Gassen des mittelalterlichen Freiluftmuseums, das 1985 zum Weltkulturerbe erklärt worden ist. Inzwischen herrscht in der Altstadt von Cáceres „Wohnungsnot“. Fünf Storchenfamilien drängen sich allein auf dem Glockenturm des romanischen Domes von Santa María. Auch auf den Kirchen San Mateo, San Francisco Javier und Santiago wird der Platz eng. Und auf dem Palast des Eroberers Francisco de Godoy verteidigt ein Elternpaar lautstark sein Revier.

Störche brüten nur auf Häusern, in denen Frieden herrscht.

Volksglaube

Und so weichen viele Tiere auf neue Wohn- und Geschäftshäuser entlang der Flaniermeile Avenida de España aus. Mit Blick auf die von Palmen und Akazien gesäumte Verkehrsader ziehen sie ihre Jungen groß. Einige Störche zeigen sich dabei als Kenner moderner Kunst. Nahe Cáceres hat ein Vogelpaar eine Installation okkupiert, die der Avantgarde-Künstler Wolf Vostell auf dem Gelände einer früheren Schäferei aufgestellt hat. Senkrecht rammte er eine russische MIG 21 in den Boden und verschweisste den Düsenjäger mit zwei ausrangierten Fiat-Pkw. Aus ihrem Nest in 16 Metern Höhe genießen die Vögel den Blick auf die mit schweren Granitblöcken übersäte Landschaft „Los Barruecos“.

Rustikal haben es sich einige Dutzend Brutpaare auf einer verlassenen Hazienda eingerichtet. Wer hier keinen Platz findet, muss mit Strommasten vorlieb nehmen, die zu Hunderten von Nestern belegt sind. Von dort oben blicken die Vögel über die fast menschenleere Extremadura.

Riesige lichte Stein- und Korkeichenwälder prägen das Gesicht einer über Jahrtausende gewachsenen Kulturlandschaft. Die vereinzelt stehenden Bäume lassen Raum für Ginsterbüsche, Zistrosen, Schopflavendel und Pfingstrosen, die im Frühjahr das Land in ein Meer von Farben tauchen und die Luft mit ihrem süßen Duft erfüllen.

Die satten, blühenden Wiesen bieten Nahrung auch für die schwarzen Avileña-Kühe und Merinoschafe, die im Herbst über Hunderte von Kilometern aus Nordspanien in die Extremadura getrieben werden. In den Kronen der Eichen bauen sich Mönchsgeier und spanische Kaiseradler ihre Nester. Auf den blühenden Wiesen und sumpfigen Tümpeln ist auch für Adebar der Tisch reich gedeckt.

Im Sommer ändert sich das Bild der Landschaft dramatisch: Die grünen, blühenden Wiesen verdorren und geben der Extremadura das Aussehen der afrikanischen Serengeti. Doc381h wenn im Herbst ausgiebige Regenfälle niedergehen, verwandelt sich die Steppe in einen grünen Garten.

Flug nach Afrika

Noch bevor der Winter Einzug hält, drehen die meisten Störche Spanien ihren gefiederten Rücken und ziehen fort zu den warmen Gefilden Afrikas. Die Jungen machen sich zuerst auf den Weg, die Eltern folgen zwei Wochen später. Erst im nächsten Frühjahr treffen sich die meisten Paare wieder in ihrem alten Nest. Dann gilt es das Heim zu renovieren, bevor die neue Brut frisch aus dem Ei gepellt mit einem aufgeregten Klappern begrüßt wird.

Von Ulrich Willenberg

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