Olaf Kappelt führt Touristen zu Sehenswürdigkeiten, die heute noch von Friedrich dem Großen erzählen

Mit dem Alten Fritz durch Berlin

Eine Institution in der deutschen Hauptstadt: Wer für eineinhalb Stunden zu seinen Gästen zählt, kann sich der ganzen Aufmerksamkeit des Berliners sicher sein. Foto: privat/nh

Am liebsten posiert er vor dem Brandenburger Tor. Die Touristen knipsen eifrig, wenn er sich in Stellung bringt, die Linke in die Hüfte schiebt und sich mit der anderen Hand auf dem Stock abstützt. Nur, wenn er mit Napoleon verwechselt wird, verzieht er kurz das Gesicht. „Ich bin Friedrich der Große“, sagt Olaf Kappelt dann in einem derart überzeugenden Ton, dass sich niemand traut, ihn zu belächeln.

Degen und Dreispitz, Perücke und Puder, gelbe Weste, blauroter Mantel und schwarze Stiefel. Der neue Alte Fritz sieht tatsächlich aus wie der echte Alte Fritz, dessen Geburtstag sich am 24. Januar, zum 300. Mal jährt. So gewandet führt Kappelt Touristen durch Berlin, zeigt ihnen die Sehenswürdigkeiten, die heute noch von Friedrich dem Großen erzählen.

Die Straßen und Plätze der Hauptstadt sind Kappelts Bühne. Jede Führung kommt einer Inszenierung gleich. Der Stadtführer ahmt Leiden und Leben des Herrschers bis ins Detail nach, hinkt und hustet sogar wie sein Vorbild, das es auch wegen seiner zahlreichen Krankheiten zu Berühmtheit gebracht hat. Er kennt die Lebensgeschichte des Königs vom Lieblingsgetränk (heiße Schokolade) bis zum Tick für Windspiele. Die Rolle scheint Kappelt auf den Leib geschrieben.

Ein Spaziergang mit Geschichte

Im Mittelpunkt der Führungen steht oft der Kampf zwischen Österreich und Preußen um die Vorherrschaft in Europa. Ein Streifzug mit Kappelt durch Berlin gleicht dann einem Grundkurs deutsch-österreichischer Geschichte. Und selbst die Bayern kommen ins Spiel. Friedrich vereitelte nämlich die Pläne der Habsburger, Belgien gegen große Teile des heutigen südlichsten Bundeslandes Deutschlands einzutauschen. Ohne den großen Fritz wäre Bayern im 21. Jahrhundert mit großer Wahrscheinlichkeit ein Teil Österreichs. Wenn es Touristen wünschen, gewährt ihnen der Alte Fritz auch eine Privataudienz. Dann geht es zum Beispiel mit der Kutsche durch Berlin. „Ort und Inhalt sind wählbar.“

Mehr als 500 Stadtführer gibt es in Berlin. „Aber ich bin der einzige, der das regelmäßig als historische Person macht“, erzählt Kappelt. Dabei war die Idee aus der Not geboren. Vor zehn Jahren war Kappelt, der Kirchengeschichtler, Philosoph und Sozialpädagoge ist, beim Berliner Arbeitsamt gelandet, wo man ihm Chancen auf einen Job machte. Also ist Kappelt in die Rolle des Alten Fritz geschlüpft.

Schon in seiner Kindheit hat er preußische Geschichte eingeatmet: Seine Vorfahren standen in königlich-preußischen Diensten, der Vater hat ihm ständig Geschichten von Friedrich dem Großen erzählt. „Während meine Schulkameraden Karl May lasen, habe ich mir Bücher über Preußens Geschichte zu Gemüte geführt.“ Mittlerweile hat er Bücher über den König geschrieben, die die kulinarischen Leidenschaften des Herrschers und seine Lieblingsplätze in Berlin beschreiben. Sogar Kalender über den Alten Fritz gibt er heraus.

In diesem Jahr gibt es natürlich Sonderführungen zum Thema „300 Jahre Friedrich der Große“. Kappelt geht in seiner Rolle voll auf und die Grenzen zum Privaten sind längst verschwommen: „Ich gehe mit Friedrich ins Bett und stehe mit Friedrich auf. Nur eine Königin habe ich noch nicht gefunden, aber damit hat sich der Alte Fritz ja auch schwer getan.“

Von Christian Schreiber

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