Im Ausnahmezustand

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Dornenkrönung: Der Darsteller des Jesus muss eine gewisse Leidensfähigkeit mitbringen. F oto: Passionsspiele Oberammergau

Ein Dorf fiebert dem Großereignis entgegen. Im oberbayerischen Oberammergau herrscht Ausnahmezustand. Die alle zehn Jahre stattfindenden Passionsspiele stehen vor der Tür. Was Otto Huber, der Dramaturg der Passionsspiele, den ‚Yes we can-Effekt’ nennt, beflügelt zurzeit die meisten Oberammergauer. Sie wollen der Welt aufs Neue beweisen, dass sie es in einer unvergleichlichen Gemeinschaftsanstrengung schaffen, die berühmtesten Passionsspiele der Welt auf die Bühne zu bringen.

„Es gehört zum Selbstverständnis der Bewohner, alles in Eigenregie zu machen“, meint Frederik Mayet, einer der beiden Jesus-Darsteller. Diesem Ziel wird alle zehn Jahre im Dorf fast alles untergeordnet. Der Laiendarsteller, der vor zehn Jahren als Apostel Johannes auf der riesigen, 45 Meter breiten Bühne agierte, ist fasziniert davon, dass Jesus bei all seinen Taten den Menschen in den Mittelpunkt gestellt habe. „Er war von der Kraft des Glaubens überzeugt. Das trägt für mich noch heute revolutionäre Züge“, bemerkt Mayet.

Mehr Raum für Jesus

„Normalerweise zeigt die Passion nur die letzten fünf Tage im Leben Jesu, also sein Leiden“, erklärt Christian Stückl. In diesem Jahr wird Jesus mehr Raum haben. „Ich möchte die wahnsinnige Konsequenz seines Handelns herausstellen.“ Dafür sei es wichtig zu verdeutlichen, so der Spielleiter, dass Jesus in einem besetzten Land lebte, das außerdem von extremen sozialen Gegensätzen geprägt war.

Das neue Passionsspiel beinhaltet 15 Prozent mehr Text als vor zehn Jahren. Auch neue, von starker Farbigkeit gezeichnete ‚Lebende Bilder’ sind integriert. Die von bewegungslos verharrenden Personen dargestellten Bilder illustrieren mit musikalischer Begleitung Geschichten aus dem Alten Testament – als assoziative Rückblenden oder „Andachtsbilder“, wie es Bühnenbildner Stefan Hageneier formuliert.

Gegen massive Widerstände hat Stückl auch die Verlegung der Kreuzigungsszene in den Abend durchgesetzt. Er erhofft sich davon eine gesteigerte theatralische Wirkung. Jesus-Darsteller Mayet blickt auf anstrengende Probehängungen zurück. „Da hat sich schnell ein Gefühl dafür eingestellt, wie qualvoll ein solcher Tod gewesen sein muss.“

Ohne konfessionelle Grenzen

Dass die Passion eine Gemeinschaftsleistung der gesamten Gemeinde ist bedeutet auch, dass konfessionelle Grenzziehungen der Vergangenheit angehören. Bei den Aufführungen stehen neben Katholiken und Protestanten neuerdings auch Moslems auf der Bühne.

Zudem hat sich die Publikumsstruktur in den letzten Jahrzehnten verändert. „Die Passion ist längst ein Ziel für Event-Touristen“, räumt Christian Stückl ein. Ob in Zeiter der Krise wieder annähernd 520 000 Zuschauer kommen wie vor zehn Jahren? Otto Huber betont da lieber das Spirituelle: „Dass man sein eigenes Leiden ablädt im Anblick des Leidens Jesu, diese Kraft hat das Spiel noch immer“, ist der Dramaturg der Passion überzeugt.

Hintergrund:  Nur Oberammergauer dürfen mitspielen

Das Passionsspiel geht auf einen Schwur der Bürger aus dem Jahr 1633 zurück. Die Pest wütete und die Oberammergauer gelobten, die Passion alle zehn Jahre aufführen zu wollen, sollte es keine weiteren Opfer geben. Der Handel klappte. Die Kirche stellte bis 1850 die Spielleiter und Mönche aus den nahen Klöstern Ettal und Rottenbuch sorgten für die frühen Textfassungen. Der Text, der dem Spiel bis heute zugrunde liegt, stammt aus dem Jahr 1860 und wurde vom Oberammergauer Pfarrer Alois Daisenberger verfasst. Heute schaut ein theologischer Berater auf die Neuerungen von Stückl und Huber. Mitmachen darf übrigens nur, wer gebürtiger Oberammergauer ist oder seit mindestens zwanzig Jahren dort lebt.

Informationen:

Die Passionsspiele finden in dem Dorf in Oberbayern alle zehn Jahre statt und ziehen jedes Mal Besucher aus aller Welt an. In diesem Jahr sind insgesamt 102 Aufführungen geplant, in denen das Leiden und Sterben Jesu Christi dargestellt wird.
Kontakt:  Geschäftsstelle der Passionsspiele, Tel.: 0 88 22 /9 23 10, www.passionsspiele2010.de;
Ammergauer Alpen Tourismus: Tel.: 0 88 22 / 92 27 40, www.ammergauer-alpen.de
Aufführungen: 15. Mai bis 3. Oktober, gespielt wird täglich außer montags und mittwochs. Beginn 14.30 Uhr, Ende gegen 22.30 Uhr (inkl. dreistündiger Pause). Karten gibt es im Rahmen von ein- oder mehrtägigen Arrangements (Auskunft im Reisebüro) und ganz aktuell auch als Einzelkarten online unter www.passionsspiele2010.

Von Ulrich Traub

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