Bahnhof Guntershausen: 20 Minuten bis in die City

+
Das historische Bahnhofsgebäude (rechts) ist im Innern teilweise verschimmelt. Das Gebäude mit den Rundbogenfenstern prägt aber immer noch das Bild des Haltepunktes.

Baunatal. Die Parkplätze auf der Westseite des Guntershäuser Bahnhofs sind fast komplett belegt. Das zeigt: Menschen aus dem Dorf selbst und aus Orten in der Nähe nutzen das gute Nahverkehrsangebot ab Guntershausen aus.

Alle halbe Stunde rollt beispielsweise eine Regiotram nach Kassel. In rund zehn Minuten sind die Fahrgäste am Bahnhof Wilhelmshöhe, in 20 Minuten sind sie zum Einkaufen in der Kasseler Fußgängerzone. "Das schaffe ich nicht mal mit dem Auto", sagt Ruth Rößler, die als Pendlerin täglich in die Regiotram steigt.

Die 39-Jährige nimmt sogar in Kauf, von Rengershausen erst vier Kilometer nach Guntershausen mit dem Auto zu fahren, um dann dort den Zug zu betreten.

Regiotram fährt ein: Die Nahverkehrsanbindung Guntershausens - beispielsweise Richtung Kassel - ist gut.

Dem Reisenden präsentiert sich der Guntershäuser Haltepunkt derzeit allerdings in unansehnlichem Zustand. Bis Ende 2011 baut die Bahn an zwei neuen Nahverkehrsbahnsteigen und an einer neuen Unterführung. Baumaterial liegt auf dem Bahngelände herum. Die Bahnsteige sind teilweise aufgerissen, Baumaschinen im Einsatz.

Vom Glanz des ehemals großzügig gestalteten Bahnknotenpunktes ist schon seit vielen Jahren nichts mehr übrig. Der Reisende hat ein nur wenige Quadratmeter großes Areal als Wartezone zur Verfügung. Zwei Bänke und ein Fahrkartenautomat stehen dort. Ein Dach über dem Kopf bei schlechtem Wetter gibt es nicht. Dann müsste sich der Fahrgast in die muffig riechende, unwirtliche, alte Unterführung zurückziehen. Keine schöne Vorstellung.

Der noch bis vor drei Jahren genutzte historische Wartesaal - mit Biedermeier-Elementen - ist nicht mehr zugänglich. Die Bahn scheut Investitionen in das Gebäude. Immerhin: Der Warteplatz, der von Holzgattern umzäunt ist, ist sauber, der Mülleimer wurde geleert.

Kommt der Zug, eilt ein Bahnbediensteter herbei, um einen durch den Zaun auf den Bahnsteig zu lassen. Das ist aus Sicherheitsgründen notwendig, weil man beim Weg zu den äußeren Bahnsteigen Gleise überqueren muss. Der Bahn-Mann passt auf, dass man nicht unter die Räder kommt.

In 18 Minuten ist der Bahnreisende in Melsungen, in 23 Minuten in Wabern und in 43 Minuten in Rotenburg an der Fulda. Guntershausen hat eine gute Anbindung ans Umland. Personenzüge rollen wochentags zwischen 5.05 und 23.27 Uhr. Güterzüge natürlich länger.

Mit den Zugverbindungen zufrieden ist auch Martha Rudolph. Die 76-Jährige aus Grifte ist ebenfalls mit dem Auto nach Guntershausen gekommen. Sie steige an der Baunataler Station ein, weil ab da das Multiticket gilt. "Von Grifte ist es eine ganze Ecke teurer", erläutert Rudolph. Mehr sagen kann die Grifterin nicht, denn ihre Regiotram fährt ein. Und schon ist Martha Rudolph durch das Gatter gelaufen und im Zug verschwunden. In 20 Minuten ist sie in der City.

100 Züge pro Tag und Bismarck da

Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte sich Guntershausen zum Eisenbahnknotenpunkt. Zwei wichtige Bahnstrecken werden gebaut, treffen seither in Guntershausen zusammen: 1845 war Baubeginn der Main-Weser-Bahn mit Gleisen von Kassel über Marburg, Gießen nach Frankfurt. In der gleichen Zeit entstand die Friedrich-Wilhelm-Nordbahn. Sie führt von Kassel Richtung Bebra.

Heinrich Broll schreibt in seinem Buch "So war es früher einmal", dass es in Guntershausen Zeiten gab, "in denen an einem Tag über 100 Züge als Reise- und Güterzüge über Guntershausen gefahren sind". Der Ort war Umsteigebahnhof - ein echter Eisenbahnknoten. "Guntershausen hatte zu dieser Zeit etwa 200 Einwohner und 30 Häuser", schreibt Broll.

Das historische Bahnhofsgebäude entstand 1855. Der markante Bau soll sogar einen extra Warteraum für den Kurfürsten gehabt haben. Außerdem war er ausgestattet mit einem Restaurant, einem Karten- und Gepäckraum sowie Wohn- und Werkstätten. Im benachbarten Hotel Bellevue sollen Reichskanzler Otto von Bismarck und der russische Zar Alexander auf Reisen abgestiegen sein.

Viadukt: Eine historische Dampflok der Baureihe 52.80 überquerte im Dezember 2008 die Brücke in Guntershausen.

Geprägt wird der Ort seither von zwei großen Brückenbauwerken. Die 283 Meter lange und 27 Meter hohe Brücke über die Fulda, die bis 1848 entstand, war einer der ersten Eisenbahnviadukte Deutschlands. Dieser wurde im Zweiten Weltkrieg 1945 von deutschen Truppen gesprengt. Bis 1952 erfolgte der Wiederaufbau in der heutigen Form. Außerdem gibt es mitten im Ort einen weiteren Viadukt, der über die Bauna führt.

Vom historischen Bahnhofsgebäude existiert heute nur noch ein kleiner Teil. Die Bahn hat diese Räume seit Jahren für den Publikumsverkehr gesperrt. Grund sei Schimmelbefall. Ein Teil diente bis 2006 als Warteraum. Ebenfalls wegen baulich schlechten Zustandes hat das Unternehmen den Saal kurzerhand zugeschlossen.

Streit mit Bahn über barrierefreien Zugang

Bis Ende 2011 baut die Bahn AG am Bahnhof Guntershausen zwei neue Nahverkehrsbahnsteige. Für den Anschluss des östlichen Bahnsteiges entsteht derzeit eine 48 Meter lange neue Unterführung.

Die Stadt Baunatal ist allerdings mit der Art und Weise der Modernisierung nicht einverstanden. Seit Jahren streitet sie mit dem Unternehmen beispielsweise um einen behindertengerechten Zugang zu den Gleisen.

Die Stadt hätte gern Aufzüge, mit denen gehbehinderte Menschen problemlos zu den Bahnsteigen gelangen könnten. Zumindest Rampen für den Transport von Rollstühlen und Gepäck fordert das Rathaus. Die Bahn winkt ab. Die Fahrgastzahlen lägen in Guntershausen unter 1000 pro Tag, heißt es. Damit seien solche barrierefreien Varianten nicht vorgesehen. Die Stadt könne die Dinge nachrüsten - dann aber auf eigene Kosten.

Die Kommune will bei der Sache am Ball bleiben. Unter anderem hat das Rathaus selbst ein Planungsbüro beauftragt. Dieses prüft zum Beispiel, ob der neue Ostbahnsteig über einen städtischen Weg vom Ort aus angeschlossen werden kann.

Auch auf anderem Terrain sind sich die Kommune und die Bahn AG bisher nicht einig geworden. Baunatal wollte Grundstücksflächen nahe dem Bahnhof für Wohnbebauung kaufen. Dies sei aber an übermäßig hohen Forderungen seitens des Unternehmens gescheitert, hieß es kürzlich aus dem Rathaus.

Von Sven Kühling

Bewertung

Kreuzen Sie die Ihrer Meinung jeweils zutreffende Note an. Senden Sie den ausgefüllten Coupon bis zum 31. August an: HNA Redaktion Baunatal, Frankfurter Str. 168, 34121 Kassel.

Am Ende unserer Aktion werden für alle Stationen Durchschnittsnoten ermittelt. Daraus ergibt sich dann die Rangfolge der besten Bahnhöfe.

Von Sven Kühling

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.