Bahnhof ist nicht behindertengerecht – Bahn weist Verantwortung von sich

Bahnhof in Wabern: An der Treppe ist Schluss

+
Auf sich allein gestellt: Petra Lohrberg ärgert sich darüber, dass der Waberner Bahnhof nicht barrierefrei ist. Um zu den Bahnsteigen zu gelangen, wären für Rollstuhlfahrer Aufzüge nötig.

Wabern. Ihre Verwandten kann sie nicht besuchen. Der Zug nach Frankfurt, von wo sie zum Familientreffen nach Offenbach fahren möchte, hält auf Gleis 4. Doch Petra Lohrberg sitzt im Rollstuhl und am Bahnhof in ihrer Heimat Wabern gibt es keine Aufzüge zu den Gleisen.

Nur Treppenstufen, wie vor 150 Jahren, als der Bahnhof gebaut wurde. Vor einigen Monaten gab es noch einen provisorischen Bretterübergang für die damalige Poststelle. Den nutzte Petra Lohrberg, um in den Zug zu gelangen. Doch dieser ist jetzt gesperrt.

Alleine gelassen

Irreführend: Ein Schild verspricht einen Zugang für Rollstuhlfahrer, den es aber nicht gibt.

Für Gehbehinderte gibt es ein Stellwerk, über das Tag und Nacht jemand erreichbar sein soll, um Rollstuhlfahrer sicher zu den Bahnsteigen zu begleiten. Davon ging zumindest Bürgermeister Günter Jung (SPD) aus. Doch wer am Stellwerk klingelt, erhält keine Antwort.

Petra Lohrberg fühlt sich alleine gelassen. Auch im Reisezentrum sitzt nicht immer ein Mitarbeiter. Die Service-Stelle schließt um 16.50 Uhr. Samstags, sonntags und an Feiertagen ist sie ganz geschlossen.

Günter Jung beklagt, dass Reisende im Rollstuhl, die zum Beispiel an Gleis 4 ankommen, nicht zum Ausgang gelangen. Auch Reisende mit Kinderwagen und schwerem Gepäck sind auf sich alleine gestellt.

Ein Sprecher der Deutschen Bahn wies im Gespräch mit unserer Zeitung darauf hin, dass Rollstuhlfahrer die nächstgelegenen Bahnhöfe in Felsberg und Kassel nutzen sollen. Petra Lohrberg fragt sich aber, wie sie dorthin kommen soll.

Keine Aufzüge vor 2016

PDF-Download

Hier können Sie die Zeitungsseite des Bahnhofstests herunterladen

Laut Gemeinde muss die Bahn die Bahnsteige für alle Reisenden zugänglich machen. „Wir sind mit der Bahn im Gespräch, dass sie ihrer Verpflichtung nachkommt“, sagt Günter Jung. Er befürchte aber, dass es noch mindestens bis zum Jahr 2016 dauern wird, bis Aufzüge gebaut sind.

„So lange kann ich doch nicht warten“, klagt Petra Lohrberg. Außerdem sei sie nicht die einzige Rollstuhlfahrerin in Wabern. Bürgermeister Günter Jung bemängelt zudem, dass die Bahnsteige zu niedrig sind, um mit einem Rollstuhl in die Züge zu kommen. Die Bahnsteighöhe muss daher angepasst werden.

Für das Bahnhofsumfeld ist die Gemeinde selbst zuständig. Derzeit würden immerhin Gehwegpfeiler für Blinde gebaut. Ein erster Schritt in Richtung barrierefreier Bahnhof.

Das sagt die Bahn

Der Bahnhof in Wabern wurde vor 150 Jahren gebaut. Damals habe man nicht an barrierefreie Zugänge gedacht. Die Bahn sei auch jetzt nicht zuständig für die Finanzierung von Aufzügen. Dies sei Sache des Bundes, des Landes und der jeweiligen Gemeinde. „Bahnhöfe behindertengerecht umzubauen, ist eine gesellschaftliche Aufgabe“, sagte ein Deutsche Bahn-Sprecher gegenüber unserer Zeitung. Die Bahn habe nicht Millionen für neue Aufzüge übrig.

Das sagen die Malteser

Der Malteser-Hilfsdienst befördert hilfebedürftige Menschen. Es sei aber Aufgabe der Bahn, sicherzustellen, dass jeder die Züge nutzen kann. Ein Fahrdienst der Malteser stehe zwar für Rollstuhlfahrer bereit, aber: „Ein nicht behindertengerechter Bahnhof stellt auch für unsere Mitarbeiter Barrieren dar. Daher benutzen wir Aufzüge und Rampen in einem behindertengerechten Bahnhof wie Kassel-Wilhelmshöhe“, sagt Karolina Kasprzyk vom Malteser Hilfsdienst. Eine Fahrt von Wabern nach Kassel mit dem Malteser Hilfsdienst würde einen Rollstuhlfahrer beispielsweise 56 Euro kosten.

Das Bahnhofsgelände: Der Kauf hat sich gelohnt

Grafik: Hier liegt der Bahnhof in Wabern

Die Gemeinde Wabern hat das Bahnhofsgebäude der Deutschen Bahn abgekauft. Es wird derzeit saniert und ist laut Bürgermeister Günter Jung fast fertig gestellt. Drei Mieter nutzen bereits die renovierten Flächen im Gebäude. Die Kreisgeschäftsstelle des Grünen-Kreisverbandes Schwalm-Eder, das Büro der Kreistagsfraktion sowie die Regionalbüros des Europaabgeordneten Martin Häusling und des Landtagsabgeordneten Daniel May haben dort ihren Platz.

Auch eine Praxis für Fußpflege und die eines Logopäden befinden sich jetzt dort. Ein Bereich wird für Zwecke der Gemeinde genutzt und eine weitere Fläche soll noch vermietet werden. Günter Jung ist froh über die Entwicklung. Die Vermietung der Räume werte den Bahnhof deutlich auf. „Es war notwendig, das Gebäude zu kaufen und zu renovieren, denn sonst wäre es verfallen“, sagt Jung.

Die Bahn hatte vor, das Gebäude aufzugeben und die Fenster zuzunageln. Durch die Erneuerung werde es wiederbelebt. „Jetzt wird der Bahnhof Wabern zum Tor des nördlichen Schwalm-Eder-Kreises,“ sagt Jung.

Verkehrsangebot

Es gibt regelmäßige Bahnverbindungen:

  • Intercity-Züge fahren über Kassel-Wilhelmshöhe bis Hamburg und über Frankfurt am Main Hauptbahnhof bis Karlsruhe.
  • Außerdem fahren Regionalbahnen (RB) und Regionalexpress-Züge (RE).
  • Die Regiotram fährt von Wabern über Kassel bis Kaufungen.
  • Nachts fährt der letzte Intercity nach Kassel um 0.05 Uhr. Der erste Zug Richtung Frankfurt fährt um 4.24 Uhr (RE) und der erste nach Kassel um 5.11 Uhr (RB).

Lage und Umfeld

  • Der Bahnhof in Wabern liegt am Ortsrand der Gemeinde, ist gut ausgeschildert und daher leicht zu finden.
  • Eine Bushaltestelle befindet sich in unmittelbarer Nähe zu den Bahngleisen. Von dort fahren die Buslinien 450 und 457 in Richtung Fritzlar und Homberg.
  • Einen Imbiss und Getränkeautomaten gibt es nicht. Ein Café finden Reisende in der Bahnhofstraße einige hundert Meter vom Bahnhof entfernt.
  • Ein Telefonhäuschen, eine Taxihaltestelle, Fahrradständer und genügend Parkplätze sind vorhanden.
  • Am Bahnhofsgelände befinden sich ein Fahrradweg und Fußgängerwege, die Richtung Stadtmitte und in die Feldgemarkung führen.

Sicherheit

Die Bahnsteige am Bahnhof in Wabern und die Unterführung sind nachts beleuchtet, so lange Züge fahren.

Sauberkeit

  • Auf dem Bahnhof gibt es zahlreiche Mülleimer mit Mülltrennung.
  • Toiletten für Reisende sind nicht vorhanden.
  • Die Unterführung ist ungepflegt, schmutzig und feucht. Zudem riecht es dort unangenehm.
  • An der Bushaltestelle und neben dem Reisezentrum gibt es keine Aschenbecher. Viele Zigarettenkippen liegen auf dem Boden.

Öffnungszeiten und Ansprechpartner

Das Reisezentrum befindet sich derzeit in einem Container. Denn das Bahnhofsgebäude hat die Bahn an die Gemeinde Wabern verkauft. Es wird zurzeit saniert.

Zu folgenden Zeiten ist das Reisezentrum besetzt:
Montag bis Freitag, 8.20 bis 11.20 Uhr und 12.20 bis 16.50 Uhr.
Samstags, sonntags und an Feiertagen ist das Reisezentrum geschlossen. Es steht ein Automat für den Kartenkauf bereit.

Der elektronische Ticketentwerter an Gleis 1 ist außer Betrieb.

Das Stellwerk ist nicht besetzt.

Information

An jedem Bahnsteig hängen Fahrpläne mit Abfahrts- und Ankunftzeiten aus. Elektronische Anzeigetafeln gibt es auf dem Waberner Bahnhof nicht.

Geschichte: Kaiser, Krieg und Kirschen im Bahnhof

Regiowiki

Wenn Sie etwas über die Geschichte des Bahnhofs wissen, können Sie den Eintrag in unserem Regiowiki ergänzen.

Die Geschichte des Bahnhofs reicht bis in das Jahr 1845 zurück, als beschlossen wurde, die Main-Weser-Bahn zu bauen. Thomas Schattner aus Wabern hat wichtige Ereignisse über den Bahnhof zusammengefasst:

  • 29. Dezember 1849: Der erste eingleisige Teilabschnitt zwischen Kassel und Wabern wird eröffnet.
  • 2. Januar 1850: Angetrunkene Fahrgäste, die stundenlang auf eine Probefahrt nach Treysa warten, steigen schließlich in den Zug, legen sich mit dem Personal an, und es kommt zu einer Schlägerei. Der Maschinist koppelt die Lokomotive ab und fährt ohne Waggons nach Treysa.
  • 20. September 1878: Der Deutsche Kaiser Wilhelm I. reist mit einem Sonderzug an, um an einer Parade nahe Wabern teilzunehmen.
  • 1. Juli 1904: Ein Güterzug aus Marburg rammt einen Eilgüterzug mit Obst aus Süddeutschland. Zerquetschte Kirschen und Beeren werden sich auf den Schienen verteilt.
  • August 1914: Mitglieder des Väterländischen Frauenvereins verpflegen Kriegstruppen am Bahnhof mit Brot, Speck, Eier, Kaffee, Wein, Wasser und Zigaretten.

Bewertung

Kreuzen Sie die Ihrer Meinung jeweils zutreffende Note in unserem Bewertungsformular an. Senden Sie den ausgefüllten Coupon bis zum 31. August an: HNA-Redaktion Fritzlar, Marktplatz 24, 34560 Fritzlar. Am Ende unserer Aktion werden für alle Stationen Durchschnittsnoten ermittelt. Daraus ergibt sich dann die Rangfolge der besten Bahnhöfe.

Von Stefanie Dietzel

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.