Bahnhofstest Treysa: Freiheit endet an der Stufe

Kein Weg führt abwärts: Eleonore Dlabal vor den Stufen, die sie vom Gleis 2 und somit von einer Zugfahrt in Richtung Kassel trennen. Fotos: Neutze

Treysa. Zwei Treppen, 49 Stufen, kein Aufzug: Der Treysaer Bahnhof birgt für Eleonore Dlabal ein unüberwindbares Hindernis. Mit ihrem Rollstuhl ist der Bahnsteig, auf dem Züge aus südlicher Richtung halten, unerreichbar.

Nur an einem der vier Gleise können Menschen mit Gehbehinderung in Treysa ein- und aussteigen. Für sie bedeutet das: keine Abfahrt in Richtung Kassel, keine Ankunft aus Richtung Marburg. Lange Zeit hatten Fahrgäste einen Übergang über die Gleise genutzt, der offiziell nur den Bahnmitarbeitern vorbehalten ist. Einige Eisenbahner hatten geduldet, dass auch Fahrgäste die Gleise an dieser Stelle überqueren.

Lebensgefährliche Abkürzung

Anfang April war damit jedoch Schluss, die Bahn versperrte den Übergang mit einer Schranke. Der Grund: Sicherheitsbedenken. Neben Rollstuhlfahrern hätten auch Fahrgäste ohne Gehbehinderung, Fahrradfahrer und Mütter mit Kinderwagen den Übergang zunehmend selbstständig genutzt, sagte ein Sprecher der Bahn. Das sei lebensgefährlich und schlicht verboten. An einer anderen Stelle der Main-Weser-Strecke sei es an einem ähnlichen Übergang zu einem tödlichen Unfall gekommen, hieß es von der Bahn weiter.

Um einen barrierefreien Zugang zu allen Zügen zu gewährleisten, soll der Treysaer Bahnhof komplett erneuert werden. Unter anderem sollen die Bahnsteige mit Aufzügen ausgestattet werden. Vor 2015 werden die Arbeiten nicht beginnen, erst dann gewährt der Bund die nötigen Zuschüsse.

Viele Sitzgelegenheiten wurden abgebaut: Die Überreste einer alten Sitzbank vor dem Treysaer Bahnhof.

Eine kurzfristige Lösung ist bis dahin nicht in Sicht. Der Übergang soll laut Bahn geschlossen bleiben. Stadtverordnete, Bürgermeister Wilhelm Kröll, Landrat Frank-Martin Neupärtl, Hephata und Behindertenverbände hatten gefordert, mit einer Signal- oder Sprechanlage für sicheren Zugang zu allen Gleisen zu sorgen. Eine solche Installation würde mehrere hunderttausend Euro kosten, sagte ein Bahnsprecher. Das Geld stehe derzeit nicht zur Verfügung.

Die Bahn rät Fahrgästen mit Gehbehinderung stattdessen, aus Süden bis zum Bahnhof Kassel-Wilhelmshöhe weiterzufahren und von dort einen Zug zurück nach Treysa zu nehmen. Dieser halte an Gleis 1, das für Rollstuhlfahrer problemlos erreichbar sei.

Für viele Betroffene grenzt dieser Vorschlag an Zynismus. „Man ist zwei Stunden unterwegs, um das Gleis zu wechseln“, sagt Eleonore Dlabal, die seit mehr als 20 Jahren im Rollstuhl sitzt. „Behinderte werden wie Menschen zweiter Klasse behandelt, die Freiheit endet an der Treppenstufe.“

Umweg über Stadtallendorf

Dlabal und die anderen Mitglieder der Fraternität der Körperbehinderten und Langzeitkranken Schwalmstadt hoffen nun auf eine Zwischenlösung, über die Verbände, Hephata und Bürgermeister Kröll beraten. Der nächste barrierefreie Bahnhof sei in Stadtallendorf. Wie Fahrgäste mit körperlicher Behinderung allerdings dorthin kommen sollen, ist derzeit noch nicht klar.

Verkehrsangebot

• Täglich fahren 16 Intercity-Züge nach Kassel-Wilhelmshöhe, teilweise bis Hamburg, sowie nach Frankfurt/Main und teilweise bis Karlsruhe und Stuttgart.

• Außerdem fahren Regionalbahnen (RB) und Regionalexpress-Züge (RE) in unregelmäßigen Abständen in Richtung Kassel und Frankfurt.

• Die Regiotram fährt über Kassel bis Kaufungen.

• Der erste Zug Richtung Frankfurt fährt um 4.40 Uhr (RE), der erste nach Kassel um 4.49 Uhr (RB). Der erste IC nach Karlsruhe verlässt Treysa um 5.39 Uhr.

• Bis zu 100 Güterzüge durchfahren täglich den Bahnhof.

Lage und Anbindung

• Der Bahnhof liegt mitten in Treysa und ist durch die gute Beschilderung leicht zu finden.

• Busse halten direkt vor dem Bahnhof. Die Buslinien 453, 461, 462, 470, 472 und 477 fahren unter anderem bis Homberg, Oberaula und Kirchheim.

• Taxis halten direkt vor dem Bahnhof, Fahrradständer gibt es direkt am Bahnsteig.

• Parken auf dem Parkdeck kostet 0,50 Euro pro halbe Stunde, ein Tagesticket kostet 2,70 Euro. Kostenlose Plätze mit Parkscheibenpflicht gibt es am Straßenrand vor dem Bahnhof.

Sicherheit, Sauberkeit

• Die Bahnsteige am Bahnhof sind nachts beleuchtet, die Unterführung auch am Tag. Sicherheitspersonal gibt es nicht.

• Die Unterführung ist in keinem guten Zustand: Neben Schmutz fällt auch die ramponierte Blechverkleidung ins Auge.

Ausstattung

• Einen Fahrkartenautomaten gibt es nur an Gleis 1, auch der einzige Fahrkartenentwerter ist hier angebracht.

• Die Bahnhofsgaststätte ist montags bis freitags von 10 bis 23 Uhr und samstags ab 12 Uhr geöffnet. Sonntag ist Ruhetag.

• Zudem gibt es einen Automaten mit Süßigkeiten und Getränken.

• Auf dem gesamten Bahnhofsgelände gibt es zahlreiche Mülleimer mit Mülltrennung.

• Toiletten sind in der Gaststätte sowie am Busbahnhof vor dem Hauptgebäude zu finden.

• Rauchen ist nur in den gekennzeichneten Flächen auf den Bahnsteigen erlaubt. Aschenbecher sind dort vorhanden.

• Neben den Sitzen im Hauptgebäude und Bänken an Gleis 1 gibt es am Bahnsteig Gleis 2/3 Sitzplätze in einer Windschutz-Box. Die Bänke unter freiem Himmel wurden abgebaut. An Gleis 4 gibt es keine Sitze.

Öffnungszeiten

• Im Hauptgebäude befindet sich ein Fahrkartenschalter. Dieser ist von Montag bis Freitag von 6.30 bis11.45 Uhr und 12.30 bis 16.40 Uhr geöffnet. Samstags, sonntags und an Feiertagen ist geschlossen.

Information

 • An jedem Bahnsteig hängen Fahrpläne mit den Abfahrts- und Ankunftzeiten aus. Im Hauptgebäude hängt zudem der gesamte Fahrplan des Bahnhofs Kassel-Wilhelmshöhe aus.

• Elektronische Anzeigetafeln gibt es nicht.

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Von Simon Neutze

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