Barlach und Backsteingotik

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Hier wird das Werk Ernst Barlachs präsentiert: Die etwas unscheinbare Gertrudenkapelle am Rand der Altstadt ist bereits seit 1953 Heimat fürdreißig Plastiken und Reliefs des Bildhauers, Grafikers und Dichters, darunter so bekannte Werke wie „Der lesende Klosterschüler“, „Der Zweifler“ und „Der Wanderer im Wind“.

Er galt den Menschen wohl als Sonderling, etwas anstrengend, schwierig und den meisten undurchschaubar – ein Künstler aus der Hauptstadt halt. Ernst Barlach war aufs Mecklenburger Land gezogen, um neue Kraft zu schöpfen und nach Lehr- und Wanderjahren einen Platz zum Arbeiten zu finden.

Man sagt dem Bildhauer und Dichter nach, er sei stets auf dem Sprung gewesen, wieder weg von hier, aus Güstrow, jener kleinen Stadt südlich von Rostock, die von Besuchern aus Berlin oft als Provinz belächelt wurde. Und doch blieb er 28 Jahre lang, von 1910 bis zu seinem Lebensende, in Güstrow wohnen. Wie man sagt der Landschaft wegen und des angenehmen Menschenschlags, doch auch verbittert, krank zuletzt, weil ihn die Nazis schikaniert und als „entartet“ abgestempelt hatten.Dass Ernst Barlach, dessen Umzug nach Güstrow sich 2010 zum hundertsten Male jährt, mit das Beste war, was der kleinen Stadt an der Mecklenburgischen Seenplatte passieren konnte, hat der Künstler nicht mehr miterlebt. Nach dem Krieg zur „Barlachstadt“ erhoben, gehörte Güstrow mit zu jenen Orten, die in der DDR vorrangig gefördert wurden. Schon seit 1953 beherbergt die Gertrudenkapelle am Rand der Altstadt dreißig Plastiken und Reliefs aus Barlachs Schaffenszeit in Güstrow. Einige seiner größten Werke sind in dem stillen Kirchenraum vereint, darunter der „Lesende Klosterschüler“, der „Zweifler“ und der „Wanderer im Wind“. Barlach selbst hatte sich das kleine Backsteinkirchlein unter alten Bäumen als Heimat für sein Werk gewünscht.

Ein wenig „Ostalgie“

Zunächst jedoch fällt Ernst Barlach gar nicht auf, wenn man den Fuß in Güstrows Altstadt setzt. Kein Denkmal steht da auf dem Marktplatz, es gibt kein Stahl-und-Glas-Museum, das die Massen anzieht. Man fühlt sich wohl beim Anblick bunter Bürgerhäuser aller Stil- und Zeitepochen, blickt hinauf zum Backsteinturm von St. Marien, der stolzen Pfarrkirche, die Touristen gerne für den Dom halten, und ergeht sich hie und da in angestaubter „Ostalgie“. Längst aber hat sich das Schmucke und mit viel Geld und Liebe Renovierte durchgesetzt. Der Aufstieg auf den Kirchturm gibt Überblick, Orientierung und einen schönen Blick über die Stadt.

Ein bisschen noch wie zu Barlachs Zeiten

Nichts ist wirklich weit im Städtchen, so viel wird von hier oben klar: Dom und Schloss fast unscheinbar am Rand der Altstadt, zum Norden hin das einstmals kaiserliche Postamt und der Pferdemarkt, die kleine Einkaufsmeile Güstrows. Auf dem Platz zu Füßen laden Cafés für später ein: Kartoffelspeckkuchen, Eiskaffee, dazu ein Blick aufs Rathaus mit der rosa Renaissance-Fassade. Viel anders mag es auch vor hundert Jahren nicht gewesen sein, als Ernst Barlach hier in Güstrow einzog.

Eins seiner großen Werke hängt in einem Seitenteil des Doms über einem Taufbecken: „Der Schwebende“ war ein Geschenk des Künstlers an die Wahlheimat, gedacht als Mahnmal für die Opfer des Ersten Weltkriegs. Die Plastik, der man eine Ähnlichkeit mit Käthe Kollwitz nachsagt, wurde von den Nazis eingeschmolzen, das Metall zu Kriegszwecken missbraucht. Die heutige Figur ist ein Neuguss nach dem Originalmodell aus dem Jahr 1952.

Als Kontrast zur Backsteingotik beider großer Kirchen darf das Schloss von Güstrow gelten: Ein bisschen Loire, ein Hauch von Italien oder Holland, das alles ist im größten Renaissance-Bauwerk des Ostsee-Bundeslands vereint. Giebel, Erker, Türmchen und ein Schlosspark, der im Juli nach Lavendel duftet, machen neugierig aufs Innenleben. Dieses hat sich leider, wie in vielen Herrenhäusern Ostdeutschlands, irgendwann zu DDR-Zeiten verflüchtigt. Aber eine Sammlung alter Waffen, Möbel und Gemälde und nicht zuletzt die filigrane Stuckdecke des Festsaals lohnen den Besuch.

Ateliersbesuch

Wer nicht nur das Werk, sondern auch den Menschen Barlach näher kennen lernen möchte, darf das Atelier am Heidberg nicht verpassen. Dort, ein Stückchen außerhalb, wird der größte Teil des künstlerischen Nachlasses verwaltet und seit 1998 zusätzlich in einem neuen Forum präsentiert. Gipsmodelle seiner Plastiken, aber auch Grafiken, Handschriften und Skizzen des Multitalents werden hier zur Schau gestellt. Mit ein Höhepunkt des Jubiläumsjahres ist die Ausstellung „Ernst Barlach und die Frauen“, die vom 29. August bis zum Jahresende das Werk des sonderbaren Künstlers neu beleuchtet: Ernst Barlach, der für die kleine Stadt in Mecklenburg-Vorpommern zum Glücksfall wurde.

Reisetipps

Anreise: Güstrow liegt in Mecklenburg-Vorpommern, rund dreißig Kilometer südlich von Rostock im Norden der Mecklenburgischen Seenplatte; Bahnhof (RegionalExpress) und Autobahn-Anschluss (A19 Rostock - Berlin).
Auskunft und Unterkunft: GüstrowTourismus e.V., Franz-Parr-Platz 10, 18273 Barlachstadt Güstrow, Tel.: 0 38 43 / 68 10 23 www.guestrow-tourismus.de

Barlach-Jubiläumsjahr und Ausstellungsprogramm: Ernst Barlach Stiftung, Heidberg 15, 18273 Güstrow, Tel.: 0 38 43 / 84 40 00, www. Ernst-Barlach- Stiftung.de
Sehenswert: Altstadt, Dom, Schloss, Renaissance-Rathaus, Krippenmuseum, Barlach-Gedenkstätten Gertrudenkapelle und Atelier/Ausstellungsforum am Heidberg (südl. Stadtrand); In der Umgebung: Inselsee und Gewässer der Mecklenburgischen Seenplatte/ Müritz, Natur und Umweltpark NUP mit Raubtier-WG.

Von Lothar Steimle

Hintergrund: Barlach in Güstrow

Der Bildhauer, Graphiker und Dramatiker Ernst Barlach (1870 – 1938 ) gehört zu den wohl bedeutendsten deutschen Expressionisten. Sein Werk ist, wie er selbst, im Norden verwurzelt. Frankreich, Russland und Italien waren seine Zwischenstationen. Er kehrte jedoch wieder nach Norddeutschland zurück, ließ sich im Oktober 1910 endgültig in Güstrow nieder, um sein Hauptwerk zu schaffen. Nahezu dreißig Jahre wirkte er in dieser Stadt, die Ernst Barlach im Jahr 2007 auf eine besondere Weise ehrte, indem sie zum Namen der Stadt seinen Namen hinzunahm: Barlachstadt Güstrow. (nh) www.barlach-in-guestrow.de

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