In der lebendigen Kneipenszene in der Lüneburger Altstadt ist schon so mancher verloren gegangen

Bermudadreieck am Stintmarkt

Ein Kellner balanciert zwei volle Biergläser zwischen den bunt zusammen gewürfelten Tischen und Stühlen des Pons hindurch. In der ältesten Kneipe Lüneburgs treffen sich Studenten und Künstler blättern an diesem sonnigen Nachmittag in der Tageszeitung. Die Wände der ehemaligen Brauerei verstecken sich hinter modernen Gemälden. Über dem Zapfhahn sind die Systemtheorien des Soziologen Niklas Luhmann zu lesen, dessen Familie das Haus seit vielen Generationen gehört. In der Schenke an der Ilmenaubrücke wurde Jahrhunderte lang Braunbier gebraut, heute jedoch nicht mehr: Die Abgaben nach dem Biersteuergesetz von 1918 waren für viele Brauereien zu hoch.

Regionale Schlemmereien

Regionale Spezialitäten finden sich aber noch auf vielen Speisekarten der 400 Gastronomien der Hansestadt. Wie etwa eine Portion Stint. Der kleine Lachsfisch ist der Namenspate des Marktplatzes und wurde hier im Mittelalter gehandelt.

Zu bestellen ist er im Restaurant Schallander, das gleichzeitig den besten Ausblick auf das heimliche Wahrzeichen Lüneburgs bietet. Der hölzerne, kupfergedeckte Drehkran ist umgeben von grünen Weiden, deren Äste bis in die Ilmenau hinein reichen.

Weiter flussaufwärts stürzt das Wasser der Ilmenau die Staustufe neben der Abtsmühle hinab. Das entfernte Rauschen wird vom Schnattern zweier Gänse übertönt, die am Bootssteg des Lokals auf Futter warten. Eine alte Hafentreppe führt auf den eigentlichen Stintmarkt hinauf. Hier reihen sich frühere Lagerhäuser mit reich verzierten Giebeln aneinander. Auf dem Kopfsteinpflaster des Platzes steht ein Caféstuhl neben dem nächsten. Urlauber und Stammgäste sitzen in der strahlenden Sonne und blicken entspannt plaudernd auf die Kulisse des historischen Hafens.

Kümmelschnaps und Solei

Die Bedienungen servieren zum traditionellen Pannfisch auch Geschichten aus dem Wasserviertel. Am Steg des Schallander hat ein historisches Salz-Frachtschiff angelegt, denn durch den Salzhandel ist Lüneburg reich geworden. Heute lebt die Studentenstadt von neuen Technologien und vom Tourismus. Hinter der Barockfassade des mittelalterlichen Kaufhauses verbirgt sich ein Hotel. Auch die Wassermühlen entlang der Ilmenau wurden umgebaut: Rund um das Vier-Sterne-Hotel Bergström ranken sich die Geschichten der ARD-Telenovela „Rote Rosen“, die hier auch gedreht wird.

Die Stars der Serie trifft man manchmal in Anna’s Café. Bis spät abends gibt es hier traditionelles Abendbrot. Essen für die Seele mit Silberbesteck in Omas guter Stube. Gefolgt von etwas Hochprozentigem im Le Petit. Das Gedeck „Schichtende“ war früher nach harter Hafenarbeit beliebt und wird bis heute bestellt: Auf Bier und Kümmelschnaps folgen Matjes und Solei – gegen die Fahne.

Ob Frühstück oder Kneipentour – der Stintmarkt ist zu jeder Tageszeit ein lebendiges Szeneviertel. Und so manch Trinkfreudiger ist hier schon auf mysteriöse Weise bis zum Morgengrauen verschwunden.

Von Brigitte Bonder

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