Alte Traditionen und eine feine englische Lebensart auf der Blumeninsel Madeira

Blüten, Wein und Meer

G Felsküste: Wer im Urlaub am Sandstrand liegen möchte, sollte nicht nach Madeira reisen. Dort steigt man, wie hier in Porto Moniz, vom Badeplateau ins Meer.

Aguir Nunes ist eine Respektsperson, auch wenn er das wohl nie zugeben würde. Der distinguiert wirkende Herr im dunklen Anzug ist Chef-Concierge im weltberühmten Reid‘s Hotel. Seit 47 Jahren begrüßt er Fürsten, Finanzmagnaten und Filmstars ebenso herzlich wie Urlauber, die zum ersten Male das legendäre Haus beehren, und sei es auch nur auf einen Afternoon Tea auf der Terrasse über dem Meer.

Francisco Pereira hält den Schwarzen Degenfisch geduldig hoch, seit fünf Minuten schon. Eine Gruppe Kreuzfahrttouristen fotografiert das schlangenähnliche Monstrum, das typisch ist für einen der kulinarischen Hochgenüsse dieser Insel. Francisco ist Fischhändler in der Markthalle von Funchal, der Inselhauptstadt.

Francisco Albuquerque ist Chef der Madeira Wine Company, dem wichtigsten Zusammenschluss von Winzern und Händlern, die sich über das zunehmende Interesse am Madeira freuen, einem Dessertwein, der auf den ersten Schluck wie Port schmeckt – und dann doch ganz anders.

Drei Männer, die für Typisches stehen, für Traditionen und Lebensart einer Insel, die in unseren Reisekatalogen viel weniger Platz einnimmt als die benachbarten Kanaren. Dabei ist sie ungleich vielfältiger, grüner und spannender, obwohl – oder weil – sie kein Strandziel ist.

Wasserwege im Gebirge

In der Begegnung mit diesen und einigen anderen Charakteren, vielleicht noch mit Gonçalo aus Camacha, der seit einem halben Jahrhundert nichts anderes macht, als Körbe zu flechten. Und erst recht mit einem der Gärtner aus den vielen botanischen Paradiesen der Insel, wären wir der Seele Madeiras schon ein gutes Stück näher gekommen.

Einmal mit dem Mietwagen vom Süden in den Norden fahren, über Serpentinen und durch Tunnel, von denen es aus dem Felsen auf die Fahrbahn tropft, Rast machen in Bergdörfern, in denen alte Männer rund um die Kirchen hocken, Karten spielen und den lieben Gott einen guten Mann sein lassen. Ein andermal zu Fuß, entlang der Levadas, jener kunstvoll angelegten Wasserwege im Gebirge, die ebenfalls typisch für Madeira sind. Es sind im wahrsten Sinne Gratwanderungen, die an den Lebensadern der Wein- und Gemüsebauern vorbeiführen, oftmals über den Wolken und hinter Kaskaden donnernder Wasserfälle.

Zuweilen sind die Kontraste schmerzhaft. Eben noch die baumlose Einsamkeit eingesogen, auf einer Hochebene, die an Schottland erinnert, dann, zwanzig Autominuten weiter südlich über Betonklötze geärgert, die das Idyll des ehemaligen Fischerdorfes Camara de Lobos verstellen. Winston Churchill hat diesen Ort gemalt und berühmt gemacht.

Vorgänger von Francisco Albuquerque an der Spitze der Wine Company war Duarte da Silva, heute Direktor und Mitbesitzer eines der schönsten Hotels, der Quinta Jardins do Lago. Als noch Zuckerbarone und Weinhändler diese Herrenhäuser mit ihren Familien bewohnten, mussten sie „den Fünften“ - Quinta - ihrer Erträge an die Landlords abliefern.

Exotischer Blütenrausch

Heute sind die meisten Quintas Oasen kultivierten Lebensstils mit Gärten umgeben, in denen botanische Wanderungen durch die Welt möglich sind. Der Blütenrausch stammt nämlich zumeist von weither, aus Südafrika, Lateinamerika oder Ostasien: zum Beispiel Palmen, Protea und die schönsten Orchideen: Madeira hat sich längst zum Gewächshaus der Welt, zur sprichwörtlich gewordenen Blumeninsel entwickelt.

Von Bernd Schiller

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