Im Boot durch Klein-Amsterdam

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Oben ohne durch die Kanäle: Bei der Fahrt im Cabrio-Boot durch die Grachten von Friedrichstadt erfährt man viel über die „Holländerstadt“.

Prächtige Kaufmannshäuser, idyllische Grachten und Fremdenführer in Holländertracht: Friedrichstadt gilt als Amsterdam des Nordens.

„Der Ort ist 1621 von niederländischen Glaubensflüchtlingen zwischen Eider und Treene gegründet worden“, erklärt Kapitän Lippert bei seiner einstündigen Grachtenfahrt durch die norddeutsche Kleinstadt – und spätestens am Marktplatz gibt es keine Zweifel mehr: Dort schmiegen sich neun holländische Kaufmannshäuser mit gel-ben, weißen und blassblauen Treppengiebeln aneinander. Stolz und würdevoll recken sie ihre Sprossenfenster und Rokokotüren dem kopfsteingepflasterten Platz an der Mittelburg-Gracht entgegen.

„Die Einwohner Friedrichstadts haben noch im 18. Jahrhundert Holländisch gesprochen. Dann hat sich das Plattdeutsch der Umgebung durchgesetzt“, erzählt Thomas Lippert bei seiner Grachtentour. Die Bootsfahrt führt von den schilf- und seerosengesäumten Ufern der Treene durch die innerstädtische Mittelburg-Gracht in den Alten und Neuen Hafen Friedrichstadts. Ganz gemütlich geht es an Schleusen, Sportbooten, Vorgärten und Holländerhäusern vorbei. Später folgen Kirchen und Museen, aber auch Fi-scherreusen und Rudervereine.

„Einen Sportbootführerschein braucht man auf unse-ren Wasserwegen nicht“, erzählt der Kapitän am Steuer seines Grachten-Cabrios. „Hier dürfen sogar Jugendliche in 150-PS-starken Booten umherfahren solange sie die Geschwindigkeitsbeschränkungen einhalten.“ Die meisten Urlauber bevorzugen allerdings einen Spaziergang durch die autofreie Prinzenstraße des Städtchens. Dort laden kleine Cafés, Galerien und Teeläden zum Verweilen ein. Fotostopps lohnen sich vor den prachvollen Fassaden des Paludanus- und Zweigiebelhauses, aber auch am Fürstenburgwall. Dort ist eine ganze Hauswand aus Kanonenkugeln errichtet worden.

Segen auf holländisch

„Die Kugeln stammen von einer Bombardierung Friedrichstadts am vierten Oktober 1850“, erzählt Thomas Lippert. Damals haben schleswig-holsteinische Soldaten den Grachtenort beschossen. 137 Gebäude seien dabei kom-plett niedergebrannt – unter anderem die Remonstrantenkirche aus der holländischen Gründerzeit. „Die Gemeinde konnte 1854 eine neue Kirche einweihen“, erzählt Thomas Lippert. Sie habe heute noch 174 Mitglieder in Friedrichstadt – als einzige Remonstrantengemeinde außerhalb der Niederlande. „Und bei Got-tesdiensten wird der Segen selbstverständlich auf holländisch gesprochen.“

Informationen

Anreise: Autofahrer nehmen  die Autobahnen A 7 und A 23 bis Heide, um dann auf der B 5 / 202 nach Friedrichstadt zu fahren. Für Zugreisende gibt es den Bahnhof „Friedrichstadt“.
Grachtenfahrten: Die „Grachten- und Treeneschifffahrt Günther Schröder“ startet jede halbe Stunde ab Landungsbrücken / Stapelholmer Platz, 25840 Friedrichstadt; 1 Stunde / 7,50 Euro (Erw.), Tel.: 0 48 81 / 73 65; www.grachtenschiffahrt.de
Die „Friedrichstädter Grachtenschiffahrt M. E. Prinz“ fährt ab Fürstenburggraben / Prinzenstraße 33, 25840 Friedrichstadt; 1 Stunde / 7,50 Euro (Erw.), Tel.: 0 48 81 / 15 72 / 72 41; www.grachtenfahrt.de
Auskunft:
Tourist-Info, Am Markt 9,
25840 Friedrichstadt; Tel.: 0 48 81 /72 40.

Hintergrund: Remonstranten
Die Remonstrantische Bruderschaft ist eine protestantische Religionsgemeinschaft in den Niederlanden und in Schleswig-Holstein. Heute gibt es in Friedrichstadt bei rund 2500 Einwohnern fünf verschiedene Glaubensgemeinschaften: Remonstranten, Lutheraner, Mennoniten, Katholiken und dänische Lutheraner feiern dort ihre Gottesdienste.

Von Martin Seger

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