Hamburg: Das Blankeneser Treppenviertel ist eine Herausforderung für Spaziergänger

Wo der Briefträger schwitzt

Direkt an der Elbe: Die Häuser des Treppenviertels ziehen sich den Süllberg hinauf. Fotos:  Seger

Es ist ein kunterbuntes Labyrinth aus kleinen Villen, verwunschenen Gärten und engen Stiegen: das Blankeneser Treppenviertel. Wer den Hamburger Stadtteil erkunden will, sollte gut zu Fuß sein. „Es gibt hier 4864 Stufen, verteilt auf 14 Kilometer“, sagt der Briefträger Jochen Engel bei seinem Gang durch das verwinkelte Wohn-viertel am Blankeneser Süllberg. Mehr als 40 Stiegen, Gänge und Stufenwege führen dort den bis zu 91,6 Meter hohen Elbhang hinauf: Wie in einem Irrgarten winden sich die schmalen Wege an kleinen Kapitänshäusern, modernen Bungalows und ausgebauten Gartenlauben entlang – ganz ungezwungen tummeln sie sich an einer steilen Hangfalte.

„In Hamburg gibt es keine Ecke, die so mediterran ist wie diese“, schwärmt Jochen Engel. „Die Wege gehen hier hoch und runter – runter und hoch. Da kommt jeder Briefträger ins Schwitzen.“

Hupende Autos und Verkehrsstaus gibt es in den engen Gassen des Treppenviertels nicht. Stattdessen finden sich kleine Gartenterrassen mit gepflegten Buchsbaumkugeln und Bambushainen, alten Obstbäumen oder stolzen Fahnenmasten. Vor manchen Häusern gedeihen sogar Feigen. „Aber jeder Einkauf muss über die Treppen nach Hause getragen werden“, bedauert der Briefträger. Manche Blankeneser seien bei so viel Bewegung steinalt geworden. „Aber heute lassen sich ältere Anwohner ihre Einkäufe liefern“, erzählt er.

Unter den berühmtesten Bürgern Blankeneses finden sich der Komiker Otto Waal-kes und der Liedermacher Rolf Zuckowski. Johannes Brahms hat dort sogar 1863 seine Kantate „Rinaldo“ komponiert. Eine kleine Gedenktafel am „Brandts Weg Nr. 4“ erinnert daran.

Früher war hier mehr los

„Das Treppenviertel war schon um 1900 ein beliebter Ausflugsort“, sagt Jochen Engel. „Damals gab es hier noch 60 bis 70 Geschäfte – und jede Menge Gaststätten.“ Sogar ein Tanzlokal habe in der einspurigen Blankeneser Hauptstraße geöffnet. „Aber heute fin-den sich hier eher Immobilienmakler und Architekturbüros“, sagt der Postbote.

Werktags ist es in den engen Gängen ganz still aber am Wochenende kommen viele Spaziergänger. Denn mehrere Kaffeegärten locken mit einem weiten Blick über die Elbe. Beliebte Fotomotive sind die Sietas-Werft und die Elbinsel Neßsand. Aber auch die riesigen Apfelplantagen des Alten Landes sind zu sehen – und mit etwas Glück lässt sich sogar ein Kreuzfahrtschiff auf der Elbe beobachten.

„Aber im Sommer staut sich die Hitze im Treppenviertel. Da haben wir in einigen Gängen 45 Grad“, sagt Jochen Engel. „Und im Winter werden hier manche Wege zur echten Herausforderung“, ergänzt er. Eine Treppe heißt sogar Rutsch. „Aber das ist ja alles nur eine Frage der Körperbeherrschung“, sagt der Briefträger.

Von Martin Seger

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