Brighton groovt

Quirlig buntes Viertel: In North Laine gibt es Hunderte von Designer-Boutiquen, Retro-Shops und schrillen Kostümverleihen, Galerien, Pubs und Plattenbars, veganischen Cafés und Sahnetorten-Konditoreien. Fotos:  Heinke

Es ist recht frisch an diesem frühen Frühlingsabend in Brighton. Vom Kanal her weht ein kühles Lüftchen durch die Stadt, Dicke-Jacke-Wetter für Kontinentaleuropäer. Die Engländer haben andere Gene. Ihnen fehlt das Kälte-Spür-Chromosom. Jungs in T-Shirts und Badelatschen schlurfen feixend an eingemummelten Festländern vorbei. Junge Damen folgen, nackt bis auf die superkurzen Kleidchen und superhohen Absatzschuhe.

Das Viertel um die St. James’s Street ist ein schräger Mix aus Pubs und Shops, Cafés, Läden und Lokalen – von ultracool bis megaschrullig, von Minimaldesign bis Tuntenbarock. Trotz der Kontraste passt alles gut zusammen, verträgt und arrangiert sich mit dem illustren Publikum zu einem angenehm durchgeknallten, heiteren Durchein-ander.

Ob graue Maus oder Paradiesvogel – alle scheinen es dort für das Normalste auf der Welt zu halten, dass jeder so ist wie er ist. Die Hausfrau, der Krawattenmann, die zwei knutschenden Bodybuilder. Die Lady mit Hut und Pinscher, die zum Hundedinner ins Café Metrodeco geht. Doch auch in Brighton kann Toleranz auf Grenzen stoßen. Zum Beispiel, wenn sich einer in The Tea Cosy nicht an die Hausordnung hält. Der winzige, bis zum Schwindligwerden mit Glitzerkitsch vollgestopfte Teesalon in der George Street Nr. 3 ist eine Institution. Er gehört David und James, einem exzentrisch-royalistischen Pärchen, dass sein zuckersüßes Refugium vor Traditionsverfall wie feindlichem Fortschritt bewahrt. Bei Strafe des Rauswurfs ist es verboten, Mobiltelefone zu benutzen, Ihre Majestät, Prinzessin Diana oder Jane McDonald durch den Kakao zu ziehen oder beim Teetrinken seinen Ellenbogen auf den Tisch zu legen.

Der Abend beginnt zeitig

Noch sind die zahllosen Haltepunkte auf Brightons Kneipenmeile Nummer eins ziemlich leer. Doch die Happy Hour sorgt dafür, dass sich das schnellstens ändert. Für manchen etwa ist die Doppel-Wodka-Cola zu zwei siebzig Grund genug, den Abend etwas zeitiger beginnen zu lassen. So richtig teuer wird es zwar auch später kaum, aber Happy Hour ist ein Muss für jede echte Brighton-Tour. Das Vorspiel einer langen Partynacht.

Ein erstes Bier im Ranelagh, wo der beste Blues der Stadt gespielt wird. Das nächste, ein „Old Sussex“, in The Oak beim Rock, ein drittes in The Zone. Die plüschige Piano-Bar ist ein Tummelplatz der Fummeltrinen. Mit falschen Haaren, aber echtem Herzblut singt Lola Lasagne „It’s A Wonderful Day“. Und andere finden das auch.

Ab dem dritten Bier wird nicht mehr gezählt. Nach ein paar Mixgetränken in Brightons ältester Gay-Bar Bulldog sind alle schön. Und lustig sowieso. Irgendwann hat man das Gefühl, in der St. James’s Street nichts mehr zu verpassen.

Eine Parallelstraße weiter steppt jetzt der Strandpromenaden-Partybär. Man tanzt bis der Morgen graut, oder länger. Vor der Türe rauscht das Meer. Möwen kreischen. Ein Sonnenaufgang vorm Schlafengehen kommt im Sommer sicher besser.

Von Carsten Heinke

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