Myanmar öffnet sich: Zeitreise auf dem Ayeyarwarda, der Lebensader des alten Birma

Buddhas goldener Fluss

Vor Anker: Die Amara hat nur sieben Kabinen, sechs davon mit neun Quadratmetern Fläche, eine am Bug ist etwas geräumiger. Fotos: Schiller

Später Nachmittag in Zentralburma, auf der Amara, einem kleinen, feinen Teakholzschiff. Acht Passagiere träumen auf Bambusliegen vor sich hin, heben die Köpfe und die Ferngläser, wenn ein Floß in Sicht kommt, auf dem das Essen über Kohleöfen gekocht wird und daneben die Wäsche im Fahrtwind trocknet. Die goldenen Kuppeln der Pagoden blinken aus dem dunstigen Tropengrün, hundertfach, tausendfach.

Die Stunden an Deck fließen so träge dahin wie der breite Fluss, der Ayeyarwarda heißt. Früher war er unter dem Namen Irrawaddy bekannter. Über zweitausend Kilometer mäandert dieser Strom von den Götterbergen im Himalaya, durch Schluchten und flaches Reisland, bis er südwestlich der Hauptstadt Yangon, die früher Rangun hieß, in die Andamanensee mündet.

Die Sandbänke entziehen sich jeglicher Kartographie

Jetzt, kurz bevor die Nacht fast ohne Übergang beginnt, verwandelt die grelle Sonne das Wasser noch einmal in flüssiges Gold. Kapitän Win U, der sein ganzen Leben auf diesem Fluss verbracht hat, lässt ein Beiboot zu Wasser. Zwei Matrosen staken voraus; die ständig wandernden Sandbänke entziehen sich jeglicher Kartographie. Ruhig und gelassen hält Win U die „Amara“ auf Kurs.

Vor zwei Tagen sind wir in Mandalay, der alten Königstadt, an Bord gegangen, über eine schwankende Planke, an deren Seiten zwei Matrosen Bambusstangen als Halt anboten. Nur sieben Kabinen hat die dreißig Meter lange Amara. Gegessen wird an Deck, mit der Bar im Rücken und einem Fluss vor Augen, auf dem das Leben wie in einem schönen, stillen Film abläuft.

Fremd und traumhaft schön

„Dies ist Birma und es wird wie kein anderes Land sein...“, lässt Rudyard Kipling, der Barde des britischen Empire, 1889 einen Freund sagen, als er zum ersten Mal nach Rangun kam, geblendet von der Schönheit und Erhabenheit der buddhistischen Pagoden. Und auch heute noch ist Birma sehr anders: fremder wirkt es als alle Nachbarstaaten, dabei traumhaft schön, ein Sehnsuchtsziel für viele – aber noch liegt es weitgehend im touristischen Abseits. Landeskenner gehen davon aus, dass sich das schon bald ändern wird.

Tagsüber stehen Ausflüge mit Pferde- und Ochsenkarren auf dem Programm, etwa zu Tempeln und Klöstern, Spaziergänge durch Dörfer, die kein Reisebus anfahren könnte, behutsame Besuche in Schulen, Werkstätten, Webereien, Tabakmanufakturen.

Dort ist tatsächlich alles Gold, was glänzt

Längst haben sich die Passagiere über die birmesischen Abenteuer vor der Schiffsreise ausgetauscht, haben sich gegenseitig von den Eindrücken auf der großen Pagode von Yangon, der Shwedagon, vorgeschwärmt, auf der tatsächlich alles Gold ist, was da glänzt. Fast alle haben auch den mühsamen Aufstieg zum Golden Rock bewältigt, einem Felsen, der über einen Abhang ragt und nach dem Glauben der Einheimischen nur durch ein Haar des Buddhas vor dem Absturz bewahrt wird.

Letzter Abend. Wir liegen im Strom vor Anker, vor uns die Lichter von Bagan, der heiligen Stadt. Zweitausend Pagoden, die meisten nur noch Ruinen, sollen es sein, die aus der Ebene neben der kleinen Stadt von heute ragen, ein melancholisches Paradies für Reisende, die das Staunen noch nicht verlernt haben. Mönchsgesänge wehen an Deck. Und Ko My, der Koch, schlägt den Gong zum Dinner, ganz sanft.

Von Bernd Schiller

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