Churchill an der Hudson Bay

Der Bär muss her!

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Neugier: Dieser Eisbär will ganz genau wissen, wer sich da in sein Revier traut – zur Freude der Touristen.

Sobald die Hudson Bay zufriert, beginnt für die Eisbären die Jagdsaison. Wer in dieser Zeit nach Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba kommt...

...kann die weißen Riesen garantiert sehen, sagt das Tourismusamt. Reiseredakteur Volker Pfau machte die Probe aufs Exempel und suchte den Eisbären.

Die Frage, die jeden von uns spätestens nach der Landung in Churchill umtreibt, ist natürlich, wann wir zum ersten Mal einen Ursus maritimus sehen, den weißen Riesen. „Eisbärenhauptstadt der Welt“ nennt sich der 800-Seelen-Ort an der Hudson Bay im Norden der kanadischen Provinz Manitoba vollmundig. Das muss natürlich erst mal bewiesen werden.

"Der dümmste Eisbär ist immer noch klüger als der schlaueste Hund".

Und das geht schneller als wir erwarten. Die betagte Convair unseres Charterflugs von Winnipeg nach Churchill war um 9.50 Uhr auf der Piste am Rande der Hudson Bay gelandet, das Gepäck war flugs verladen und gleich darauf saßen wir in einem ehemaligen Schulbus, mit dem wir vor dem Transfer zu unseren Unterkünften noch ein wenig durch die Umgebung von Churchill kutschieren werden sollten. Damit wir einen ersten Eindruck von der vom Gletschereis geformten Tundralandschaft bekommen.

Der Eisbär

Die rund 20.000 bis 25.000 Eisbären leben nur in den Polarregionen auf der nördlichen Erdhalbkugel. Männliche Eisbären werden bis zu 2,50 Meter lang und im Schnitt 500 Kilogramm schwer, Weibchen sind kleiner und leichter. Eisbären halten keinen Winterschlaf, nur gebärende Mütter begeben sich mit den Jungtieren in Winterruhe. Rund um die Hudson Bay verbringen die Eisbären die Sommermonate nahezu ohne Nahrungsaufnahme, erst wenn das Meer zufriert, können sie im Winter auf Robbenjagd gehen.

Unser Fahrer Sheldon fährt recht zielstrebig ans Ufer der Hudson Bay. Was wir nicht wissen: Als Einheimischer hat er natürlich mitbekommen, dass sich in der vergangenen Nacht gar nicht weit von der Straße zum Flughafen entfernt ein paar der weißen Zotteltiere am Ufer der Hudson Bay herumgetrieben haben. Die geografische Situation – der Churchill River mündet in die Hudson Bay, so dass dank des Süßwasserzuflusses das Meer hier besonders schnell gefriert und die Eisbären dann auf Robbenjagd gehen können – macht den Ort zu einem idealen Platz für bärenhungrige Touristen, so wie wir es sind.
Sheldons Plan geht auf: Um 10.35 Uhr stoppt er den Bus und zeigt auf einen Eisbären, der Richtung Wasser tapst, gerade so, als ob er schon Mal den Zustand der zufrierenden Wasseroberfläche inspizieren wolle. Unser erster Eisbär. Ganz gemächlich und sehr fotografierfreundlich bewegt sich das Tier dann im Halbkreis um den Bus herum und legt sich nach seinem Gang über den Laufsteg zum Ausruhen in eine Mulde.
So viel Nähe schafft aber auch Probleme. Wie unser Fahrer uns erklärt, war die ehemalige Müllhalde vor den Toren Churchills, an der wir gerade vorbeifahren, ein beliebter Treffpunkt der Bären. Seien diese erst einmal daran gewöhnt, auf solch einfache Weise an Futter zu kommen, werde man sie nicht mehr los. Die Eisbären werden zu Problembären und wandern in den Knast.

Darum gibt es für die Insassen des Eisbärengefängnisses, unseres nächsten Stopps, auch nur Wasser und nicht einmal Brot. Anfangs seien die Tiere hier noch gefüttert worden, erzählt Sheldon, aber „dann wollten die ins Gefängnis einbrechen, weil sie dort so bequem ans Fressen kamen“. Clever! Der dümmste Eisbär, so unser Fahrer, sei immer noch klüger als der schlaueste Hund. Nun werden die Delinquenten hungrig gehalten und sobald die Hudson Bay zugefroren ist, aufs Eis verfrachtet, um dort ihrem natürlichen Jagdinstinkt nachzugehen.

Churchill in der kanadischen Provinz Manitoba

Viele der Eisbären, die wir in den kommenden Tagen sehen, haben einen Knopf im Ohr als Zeichen, dass sie schon mal im Knast waren. In der Hochsaison im Oktober und November, wenn die Eisbären hier aufs Zufrieren warten, sind in Churchill ständig Patrouillen unterwegs, und in den kommenden Nächten hören wir mehrmals Warnschüsse. Zu unserer Beruhigung erklärt uns unser Fahrer, dass im Ort alle Haustüren stets unverschlossen seien und auch Autos nicht abgesperrt werden, um stets einen sicheren Rückzugsort zu haben. Außer einem Polarfuchs, der uns nächtens auf dem Heimweg begegnet, treffen wir in den fünf Tagen in Churchill auf keine wilden Tiere.

„Wir haben hier einige Problembären“, sagt Sheldon, „aber sobald das Eis kommt, verschwinden sie alle.“ Wenn das aber nichts hilft und das Tier weiterhin Ärger macht, dann, so sagt es die Nationalparkverwaltung Parks Canada knallhart, muss der Bär zerstört werden – ja, sie nennen es „destroyed“. 2011 ereilte drei Bären dieses Schicksal. „Sie waren verzweifelt vor Hunger“, sagt Sheldon.

Kunst der Inuit

Derart sensibilisiert hören wir tags darauf Kevin sehr aufmerksam zu, der uns im Tundra Buggy in der Churchill Wildlife Management Area, die an den Wapusk National Park angrenzt, ganz nah an die Eisbären heran chauffieren will. Er gibt klare Regeln vor: absolutes Fütterungsverbot, Ruhe und Geduld. Letzteres benötigen wir am allerwenigsten, denn wir sind gerade mal 30 Minuten mit dem Spezialgefährt unterwegs, als Kevin schon wieder anhält: Ein Eisbärenmännchen kommt auf unser Fahrzeug zu, umrundet es einmal und trollt sich dann gemächlich. Jeder hat mehr als genug Zeit, leise den kleinen Spalt am Schiebefenster zu öffnen und Fotos zu schießen oder die Videokamera einzusetzen.

Der vielversprechende Auftakt erfährt nur wenige Minuten später eine Steigerung: Am Strand der Hudson Bay sehen wir gleich drei Bären, die in den angeschwemmten Algen nach Futter suchen. Zwei Tiere sind noch relativ jung und dementsprechend verspielt, sie balgen sich zu unserer Verzückung immer wieder im Schnee, nehmen aber gleich Reißaus, als sich ein vierter, deutlich älterer Eisbär nähert. Der ist recht neugierig und nimmt unser Tundra Buggy genau unter die Lupe, schleckt Schmelzwasser von den 1,80 Meter hohen Reifen und richtet sich zu voller Größe auf, so dass manchem hinter den Fenstern doch etwas mulmig wird, obwohl Kevin uns erklärt hatte, dass die schmalen Öffnungen drei Meter über dem Boden unerreichbar für die Tiere sind.

Aussicht: Vom sichern Tundra Buggy aus kann man Eisbären bestens beobachten.

Die Inspektion durch den Eisbären ergibt offenbar nichts für ihn Verwertbares, darum trollt sich das pelzige Tier und legt sich für ein Nickerchen in den Schnee. Dies nutzen wir und machen selbst Mittagspause. Bei heißer Gemüsesuppe kommt im wohlig geheizten Buggy schnell eine Diskussion in Gange. Leiden die Eisbären an den Folgen der Klimaerwärmung oder erholt sich die Population dank des vor 40 Jahren ausgesprochenen Jagdverbotes wieder? Die 22 Teilnehmer der Gruppe – Kanadier, US-Amerikaner, Australier und eine Handvoll Europäer – sind gut informiert, Argumente fliegen hin und her. Antworten auf die entscheidende Frage zur Zukunft der Eisbären finden wir aber auch nicht.

Portage Place Shopping Centre in Winnipeg

In den vergangenen Jahren sei der Zustand der Bären sehr unterschiedlich gewesen, meint Kevin, mal gut, mal besorgniserregend. Gab es vor zwei Jahren viele unterernährte Tiere, so sehen sie heuer auch am Ende ihrer sommerlichen Ruheperiode noch halbwegs kräftig aus, obwohl die Jagdsaison der Eisbären, in der sie sich eine dicke Speckschicht anfressen, erst mit dem Zufrieren der Hudson Bay beginnt.

Vom Eis in der Bucht hängt letztlich auch die Zukunft Churchills ab. Nachdem die Rocket Research Range, eine Militärbasis zur Raketenerprobung, 1985 dicht machte, sind Eisbär- und Waltourismus die wichtigsten Einnahmequellen. Bis jetzt. Gefriert die Hudson Bay nicht mehr regelmäßig zu und bleiben die Eisbären aus, profitieren davon allenfalls die Betreiber des Hafens und der riesigen Getreidespeicher, die Europa dann einfacher mit dem per Eisenbahn herangekarrten Weizen beliefern können. Das werbewirksame Eisbären-Hauptstadt-Prädikat dürfte Churchill dann aber längst los sein.

DIE REISE-INFOS ZU CHURCHILL 

REISEZIEL Die kanadische Provinz Manitoba hat eine Fläche von rund 650.000 Quadratkilometern (fast doppelt so groß wie Deutschland) und rund 1,1 Milionen Einwohner, von denen rund 700.000 in der Hauptstadt Winnipeg leben. Churchill (Foto oben) liegt rund 1000 Kilometer nördlich an der Hudson Bay und bezeichnet sich als Eisbären- und Belugahauptstadt der Welt.

ANREISE Von München aus fliegt United Airlines sechs Mal pro Woche nach Chicago, dort besteht Anschluss nach Winnipeg. Die meisten Gruppen treffen sich in der Hauptstadt Manitobas und fliegen per Charter gemeinsam nach Churchill. Man kann auch mit dem Zug zweimal wöchentlich in rund 48 Stunden von Winnipeg an die Hudson Bay fahren.

ANGEBOTE Die Eisbärentouren mit den Tundra Buggys werden vom kanadischen Veranstalter Frontiers North organisiert. Buchbar sind die Reisen in Deutschland zum Beispiel bei Explorer Fernreisen, die im Herbst 2013 eine fünftägige Rundreise ab/bis Winnipeg zur Eisbärenbeobachtung in Churchill anbieten (Termine: 20. Oktober, 9. und 15. November). Im Preis ab 2659 Euro pro Person sind 4 Übernachtungen, Verpflegung, 2 Tagestouren im Tundra Buggy zur Eisbärenbeoabachtung, Flüge Winnipeg-Churchill und zurück und Transfers enthalten. Info und Buchung bei Explorer Fernreisen, Büro München, Tel. 089/12 22 49 90 oder unter www.explorer.de.

SEHENSWERT Im Herbst sind es die Eisbären, im Sommer tummeln sich Tausende von Belugawalen in der Hudson Bay und das ganze Jahr über kommen Bird Watcher nach Churchill. Im Ort sollte man auf jeden Fall dem Eskimomuseum und dem Besucherzentrum von Parks Canada im Bahnhof einen Besuch abstatten.

EINKAUFEN Außer einigen Souvenirs (gute Auswahl bei Arctic Trading Company, Kelsey Boulevard) ist das Shopping-Angebot in Churchill überschaubar. In Winnipeg lohnt sich ein Bummel auf diversen Skywalks durch das weitverzweigte Portage Place Shopping Centre mit konventionellem Angebot und ein Besuch der National Historic Site The Forks an der Mündung des Assiniboine in den Red River mit Markthallen-Charakter und kleinen Läden, Cafés und Restaurants.

KLIMA/REISEZEIT Die Eisbären sammeln sich ab Mitte/Ende Oktober rund um Churchill, um dann im November auf die zugefrorene Hudson Bay zu gelangen. Meist ist es um diese Zeit tagsüber noch moderat kühl (wenige Grad unter Null), nachts wird es deutlich kälter. Man sollte aber auch für Schneestürme und eisige Temperaturen (unter minus 20 Grad plus Windchill-Faktor) gerüstet sein.

REISETYP Man muss ein großes Faible für Eisbären haben, da die Unterkünfte in Churchill eher einfach sind, das Essen bodenständig sowie das weitere touristische Angebot recht überschaubar.

AUSKUNFT Touristische Vertretung in Deutschland: Travel Manitoba, Frankfurter Str. 51, 63263 Neu-Isenburg, Tel. 061 02/88 47 91 20, E-Mail: maria@msi-germany.de.

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