Mit Daisy im Wilden Westen: Eine Harley-Tour durch vier US-Staaten

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Der Wilde Westen in den Vereinigten Staaten ist ein traumhaftes Revier für Motorradfahrer. In Arizona verlief die Tour teilweise auch auf der legendären Route 66.

Mein Herz pocht fast so laut wie der Motor unter mir. Ich sitze auf einer Harley Davidson, meine Nerven sind angespannt. Endlich beginnt sie, die Wild-West-Tour durch vier US-Bundesstaaten. Meine Maschine ist eine Heritage Softail Classic: 73 PS, 1584 Kubikzentimeter, mit einem Drehmoment von 121 Newtonmeter und dem typischen Harley-Sound.

Doch mit Technik habe ich wenig am Hut. Für mich ist das gute Stück in Blau-Metallic einfach nur „Daisy“. Etwas altmodisch wirkt sie, mit Weißwandreifen, nietenbesetzten Satteltaschen und breiten Trittbrettern. Aber ihr Herz ist jung.

2000 Kilometer liegen vor uns, von Los Angeles nach Las Vegas. Unsere Wild-West-Tour führt teilweise auch über die legendäre Route 66. Längst haben andere Fernstraßen der Mother Road (Mutter aller Straßen) den Rang abgelaufen. Doch mancherorts lebt der Mythos noch, auch wenn einiges nur touristische Folklore ist.

Liedfetzen von „Born to be wild“ der Band Steppenwolf jagen mir durch den Kopf, als wir endlich starten. So wild das Leben damals gewesen sein mag, bei unserer Tour wird nichts dem Zufall überlassen, schon gar nicht die Sicherheit. Zwei Begleiter (Guides) führen das Feld der zehn Biker aus Deutschland an, einer steuert den Begleitbus, der das Gepäck – und noch viel wichtiger – jede Menge Getränke an Bord hat.

Bei Temperaturen von 35 Grad brennt der Asphalt. Und auch Daisy glüht.

Traum eines jeden Motorradfahrers: Mit der Harley durch die Staaten

Das ist kein Luxus. Bei Temperaturen von 35 Grad brennt der Asphalt. Und auch Daisy glüht. Da droht die Konzentration nachzulassen. Schon beim ersten Tankstopp werfe ich alles von mir, was nicht aus Sicherheitsgründen unverzichtbar ist. Als wir auf endloser Straße durch den ausgetrockneten Salzsee bei Amboy rollen und die Route 66 erreichen, verfluche ich den heißen Wind, der mir wie aus einem Fön mit fast 50 Grad ins Gesicht bläst.

Monumental ist die Landschaft im Wilden Westen, mit Parieebenen, in die bequem ein Landkreis deutschen Zuschnitts passen würde. Rote und graue Bergketten – mal fein geschichtet, mal skurril zerklüftet – säumen das Bild.

Die Harleys sind wie geschaffen für diese Weite. Nun weiß ich, warum Motorrad fahren hier riding (reiten) heißt. Wir gleiten stundenlang dahin. Daisy nimmt nichts übel. Sie blubbert auch dann noch gutmütig durch die Kurven, wenn ich mal wieder schaltfaul war, weil mich beispielsweise das Panorama im Land der Navajo-Indianer zu sehr gefesselt hat. Auch in engeren Kurven wie in den Bergen um Palm Springs ist sie eine zuverlässige Begleiterin.

Die Fahrt im Pulk und oft dicht nebeneinander lässt die Gruppe schnell zu einer organischen Einheit wachsen. Jeder ist auch für den anderen verantwortlich. Das verbindet. Die Guides, alle perfekte Biker, haben wenig Mühe das Feld per Handzeichen zu steuern.

Am dritten Tag wechselt die Landschaft. Im Hochplateau um den Grand Canyon duftet es nach Pinien, und der Fahrtwind kühlt uns ein wenig. Gänsehaut-Gefühl stellt sich ein beim Blick über die Abbruchkante des Canyons. Ein Naturwunder ist auch unser nächstes Ziel, der Bryce Canyon. Tausende und abertausende Felszacken, die lachsfarben im Abendlicht schimmern, hat die Erosion geschaffen.

Dort erholen sich unsere Nerven noch einmal vor dem Ritt nach Las Vegas. Auf dem Highway jagen wir bei 45 Grad der Wüstenstadt entgegen. Sin City, die Stadt der Sünde, brodelt und kocht Tag und Nacht. Augen und Ohren sind von Reizen überflutet. Übertroffen werden sie nur von der Euphorie, die uns erfasst, als wir – wieder perfekt dirigiert – vor dem Nobel-Hotel Bellagio für ein Erinnerungsfoto halten. Die Speicher der Kameras sind voll, und das gilt auch für uns. 2000 Kilometer liegen hinter uns und ein unvergesslicher Ritt.

Der Abschied von Daisy fällt schwer!

Von Heinz Rohde

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