Der Olavsweg – ein uralter Pilgerweg zwischen Oslo und Trondheim – wurde zu neuem Leben erweckt

Ich bin dann mal in Norwegen

Der kräftige Regenschauer geht in leichten Nieselregen über. Erste Sonnenstrahlen quälen sich durch die Wolkendecke. Hinter den lila blühenden Fliedersträuchern neben der Holzhütte, die als Pilgerunterkunft dient, lassen sie einen Regenbogen entstehen. Schnell ändert der Himmel seine Farbe wieder von grau auf blau. Michael Schildmann legt Stift und Tagebuch zur Seite. Für heute ist alles notiert.

Eine weitere 15 Kilometer lange Etappe auf dem Pilgerweg zwischen Oslo und Trondheim liegt hinter ihm. Mit 20 Kilogramm Gepäck und Zelt hat er sich auf den Weg gemacht. Hin und wieder übernachtet er in einer Pilgerherberge. So wie heute nach dem heftigen Regenguss. Mittlerweile gibt es ein Netz von einfachen bis gehobenen Übernachtungsstätten entlang der Strecke.

Nur wenige Pilger unterwegs

Michael Schildmann gehört zu den wenigen hundert Pilgern, die den Olavsweg pro Jahr laufen. „Vor zwei Wochen bin ich in Oslo gestartet und habe jetzt ein Drittel der Wegstrecke hinter mir“, erzählt der 60-Jährige aus Oldenburg. „Ganze fünf Pilger sind mir bisher begegnet.“

Nach der Reformation im Jahre 1537 geriet der Olavsweg über 450 Jahre in Vergessenheit. Heute geben sich viele Kirchen ökumenisch. So hängt in der fast tausend Jahre alten Bønsnes-Kirche bei Ringerike ein Bild von Martin Luther neben einer Madonna. In dieser Gegend soll König Olav seine Kindheit verbracht haben. Aber nicht nur Kirchen liegen am Wegesrand, sondern auch Museen, wie das Kistefos-Kunstmuseum in Jevnaker oder das Freilichtmuseum Maihaugen bei Lillehammer mit 200 Bauernhäusern, Handwerksbetrieben und Geschäften aus alter Zeit.

Eine Kirche unter Glas

Mit dem Skibladner, dem ältesten Schaufelraddampfer der Welt von 1856, schipperten schon im 19. Jahrhundert Pilger über den Mjøsa, den größten See Norwegens. Direkt am Seeufer liegt die alte Bischofsstadt Hamar. Um die Ruinen der Domkirche aus dem 12. Jahrhundert vor dem Verfall zu schützen, wurde sie mit einer Glaskonstruktion überspannt: „So entstand ungeplant eine neue Kathedrale mit einem Konzertsaal und einer wunderbaren Akustik“, erzählt Sopranistin Kristine Lundsbakken und gibt eine Kostprobe religiöser und norwegischer Volkslieder.

Nicht immer ist der Pilgerpfad gut ausgebaut. Manch ein Weidezaun muss über Zauntreppen erklommen werden. Oberhalb des Sees beginnt das Gudbrandsdal, durch das der Fluss Lågen führt. Im Gudbrandsdal liegt die älteste Pilgerherberge. Ein bäuerliches Anwesen wie es höchstens noch im Freilichtmuseum Maihaugen stehen könnte. Seit 700 Jahren im Familienbesitz. Hilde und Stig Grytting bieten einfache Lager mit Fellen im Stall oder bequeme Betten in geschmackvoll eingerichteten Zimmern im Haupthaus. Der Weckruf von bimmelnden Schafglocken ist für alle inklusive.

Von dort sind es noch 270 Kilometer bis zum Grab des Heiligen Olav in Trondheim. Die Überquerung des 1400 Meter hohen Dovrefjells ist die größte Herausforderung des Pilgerweges. Glitschige Felsen, feuchte Moorflächen und rauschende Wildwasser sind zu überwinden. Nasse Füße sind garantiert. Am Ende des langen Wegs mag manch einem Pilger das Erreichen des Nidaros-Doms immer noch wie ein Wunder erscheinen.

Von Dagmar Krappe

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