Bei einer Wandertour im Schwarzwald lernt man, sich auf das Wesentliche zu beschränken

15 Dinge fehlen zum Glück

Sterne funkeln am Himmel. Die Wanderer sind bereits in ihre Schlafsäcke geschlüpft. Doch nicht alle können sofort einschlafen. Es raschelt in den Bäumen und knackt in den Büschen. Ist es nur der Wind oder machen sich mit dem Einbruch der Dunkelheit die Waldbewohner bemerkbar?

Irgendwann fallen auch dem letzten, erschöpften Wanderer die Augen zu. Ein spannender Tag liegt hinter den zehn Touristen, die sich in der Früh von Baiersbronn im Schwarzwald über das Naturschutzzentrum Ruhestein auf den Weg zum Naturcamp gemacht haben, wo sie jetzt eine Nacht unter freiem Himmel verbringen.

„Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern.“

Bernhard von Clairvaux

Die Nationalpark-Ranger haben die zweitägige Tour „15 Dinge-Wanderung“ getauft. Die Teilnehmer sollen sich schon beim Gepäck aufs Wesentliche beschränken. „Weniger ist mehr. Ihr werdet sehen, das braucht ihr alles nicht“, sagt Ranger Charly Ebel (44) und beruhigt auch jene, die keine Brotzeit dabei haben. Schließlich ist ein Auto mit Proviant zum Naturcamp unterwegs, der einzige Luxus auf dieser Exkursion.

Das Camp liegt auf einem abgelegenen Waldstück mitten im Schwarzwald und ist nur mit dem Nötigsten ausgestattet: Wasser- und Feuerstelle, ein Toilettenhäuschen und eine kleine Holzhütte. Betten sucht man vergeblich, übernachtet wird unter freiem Himmel. In Deutschland ist es laut Ranger Charly einzigartig: Jeder kann sich einmieten und eine Nacht im Wald verbringen. Das Waldgesetz lässt die Open-Air-Übernachtung normal nicht zu.

Zur Einstimmung macht Charly eine Übung: Entlang eines schmalen Pfades, der hinab zum Wildsee führt, hat er kleine Zettel mit Gedichten unter Steine gelegt oder an Bäume gehängt. Einzeln machen sich die Männer und Frauen auf dem Weg. Der Aufgabe lautet: Natur hören, riechen, sehen, fühlen. An nichts denken, nur das Singspiel der Vögel in den Kopf lassen und den Duft von Moos und Rinde einsaugen. Schon beim zweiten inspirierenden Gedicht von Bernhard von Clairvaux funktioniert das bestens: „Du wirst mehr in den Wäldern finden, als in den Büchern.“

Die 28-jährige Angie hat die ersten Steinpilze entdeckt, ist aber riesig enttäuscht, dass sie die Delikatessen stehen lassen muss. „Wir sind noch im Schutzgebiet“, erklärt der Ranger. Wachsen, blühen, absterben, umfallen – der Mensch darf hier nicht eingreifen. Nachdem die Gruppe das Naturschutzgebiet verlassen hat, darf alles gesammelt und gepflückt werden, was essbar ist. Die Ausbeute ist gering. Zum Glück haben die Organisatoren vorgesorgt, und so wartet im Naturcamp ein Korb mit Salat, Gemüse, Quark, Kartoffeln und Hähnchen.

Der letzte Teil der Unternehmung lautet: Einen geeigneten Platz zum Schlafen vorbereiten, Holz für die Feuerstelle suchen, Essen machen. Leider nehmen die Freiluftköche das Hähnchen im Salzteig zu früh aus der Glut – es ist ungenießbar. Vor dem Schlafengehen zählt Ranger Charly dann auf, welche Tiere es hier im Wald gibt. Bei manchem dauert das Einschlaf-Ritual diesmal länger, aber niemand berichtet am nächsten Morgen von tierischen Begegnungen. Das Hähnchen vom Vorabend ist allerdings weg.

Von Christian Schreiber

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