In Bozen in Südtirol bilden Alpenlandschaft und mediterranes Flair eine charmante Symbiose

Am Drahtseil in die Stadt

Rittler Bahnl: Die Schmalspurbahn fährt von Oberbozen nach Klobenstein.

Ungeduldig klopft das junge Mädchen an die Scheibe. Der Mann auf der anderen Seite wiegt seinen Kopf im Takt der Musik, die aus seinen Kopfhörern dröhnt. Er hört nichts und schaut konzentriert auf seinen Bildschirm. Exakt um halb drei blickt er auf, nimmt die Stöpsel aus den Ohren und öffnet die Tür.

Sandra stürmt an ihm vorbei in die alte Seilbahnkabine. Die Gemütlichkeit der Bergbahn nimmt sie nicht wahr. Nervös blickt sie auf die Uhr, während die älteste Personenseilbahn des Alpenraums langsam ins Tal schwebt. Zwei Urlauber pressen derweil ihre Kameras an die Scheibe, verewigen die Südtiroler Stadt Bozen dutzendfach auf ihrer Speicherkarte und lichten sich mit ausgestrecktem Arm selbst vor dem verschneiten Bergpanorama ab.

Im Tal angekommen rennt die Schülerin aus Kohlern zum Parkplatz und springt in den wartenden Stadtbus. Ihre Freundin hat ihr einen Platz freigehalten, heute geht es auf den Weihnachtsmarkt in die mediterrane Altstadt Bozens.

Das kleine Dorf Kohlern, im zweisprachigen Südtirol auch Colle oder Col di Villa genannt, schaut aus gut 1200 Metern auf Bozen herab. Ein knappes Dutzend Häuser liegt zerstreut inmitten eines Naturschutzgebiets, der erste Schnee glänzt auf den Wiesen. Neue Bauten sind schon seit langem verboten, der kleine Ort hat sich im vergangenen Jahrhundert kaum verändert. Im Zentrum neben der winzigen Kirche mit dem rot geziegelten, spitzen Dach lockt der Gasthof Kohlern mit Südtiroler Winterspezialitäten.

Mit dem Rittler Bahnl nach Klobenstein

Für die Bewohner Bozens sind die Seilbahnen ein ganz normales Verkehrsmittel, wie Bus und Bahn. Im Gegensatz zur halbstündig oder nach Bedarf fahrenden, über hundertjährigen Kohlern-Seilbahn pendelt die moderne Rittner-Bahn seit knapp drei Jahren regelmäßig von Oberbozen ins Tal und zurück. In den Gondeln der gut viereinhalb Kilometer langen Dreiseilumlaufbahn sitzen mehr Einheimische als Urlauber.

Oben angekommen gehen die Bozener nach Hause, die Touristen steigen in die nostalgische Schmalspurbahn um. Das „Rittler Bahnl“, wie es die Südtiroler nennen, schlängelt sich weiter über das Hochplateau nach Klobenstein.

Im Zentrum der Seilbahnen, im Talkessel Bozens, drängen sich die traditionellen Holzhütten des Christkindlmarktes auf dem Waltherplatz. Der größte Weihnachtsmarkt Italiens lockt seit mehr als zwei Jahrzehnten mit seinem mediterranen Flair zahlreiche Besucher nach Südtirol und steht in diesem Jahr unter dem Motto „Begegnung der Kulturen“.

Die Freiheitsstraße verwandelt sich zur Adventszeit in eine Straße der Krippen: In mehr als 100 Schaufenstern werden hier weihnachtliche Exponate aus verschiedenen Ländern ausgestellt.

Wer vom Glühwein und dem Weihnachtsgebäck „Bozner Zelten“ genug hat, zieht am frühen Abend weiter in die Osteria dai Carrettai auf ein Glas Wein. Bei Stefano Sartori zapfen die Gäste den Rebsaft selbst. Dazu bereitet der graugelockte Italiener kleine Appetithäppchen mit Salami, Lachs oder Frischkäse. Abgerechnet wird nach der Anzahl der Spießchen auf dem Teller. „Das geht alles auf Vertrauensbasis“, weiß Antonia. Die rüstige Rentnerin trifft sich mehrmals in der Woche mit ihrer Freundin hier. „Es ist gemütlich und günstig.“ Und nach ein paar Gläschen Südtiroler Wein ist es schön, wenn man als Tourist nicht mit der Seilbahn nach Hause muss, sondern im Parkhotel direkt um die Ecke wohnt.

Von Brigitte Bonder

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