Die karibische Insel Curaçao vereint paradiesische Strände und die Erinnerung an die Sklaverei miteinander

Eine Reise in die Vergangenheit

Bunt: Ein grünes Haus reiht sich an ein lilafarbenes, dann wieder ein orangefarbenes an ein rotes. Vom Stadtteil Otrobanda aus blickt man auf die bunte Häuserzeile, die sich entlang des natürlichen Hafens von Willemstad zieht (oben). In einer kleinen Wiege aus Leinentuch schaukelt Dinah Verris kranke Pflanzen hin und her – wie ein krankes Kind. So machten es schon die Menschen in Westafrika vor 300 Jahren, wenn ihnen die Pflanze kostbar war. Das Meer ist so blau wie der berühmte Likör: Mit dem Blue Curaçao verhält es sich ähnlich wie mit den Häusern auf der Insel, auch ihn gibt es auf seiner Herkunftsinsel in allen nur erdenklichen Farben. Fotos: 2 Yüce/1Curaçao Tourist Board

Nena Sanchez malt keine schwarzen oder weißen Menschen. Die Menschen, die sie auf ihre Leinwand bannt, sind blau. Die blaue Farbe vereine alle Hautfarben miteinander, sagt die Künstlerin, die auf der karibischen Insel Curaçao lebt. So farbenfroh wie ihre Bilder, so bunt ist auch ihre Heimat.

Es ist vermutlich die Vergangenheit, die den Wunsch der Bewohner der Karibikinsel nach einem fröhlichen, bunten Leben bestimmt. Denn für Millionen Afrikaner war die Insel einst Zwischenstopp auf dem elenden Weg in die Sklaverei.

Gäste der Insel erwartet heute einen Mix aus unbeschwertem Urlaubsgefühl und Kultur – wenn sie sich aus ihrer Hängematte in die Museen schwingen. Abends dann in einem Restaurant am Meer sitzen, einen kühlen Cocktail schlürfen und mit den Füßen im Sand spielen – nur die Gedanken sind alles andere als unbeschwert. Denn gerade noch war man im Museum „Kura Hulanda“ in Curaçaos Hauptstadt Willemstad. Stand gebeugt im beklemmend engen Nachbau eines Sklavenschiffes. Bekam den Hauch einer Ahnung davon, wie es den Menschen bei der Überfahrt ergangen sein muss.

Ein bisschen Sklaverei steckt selbst in jeder Speisekarte: Elize Thodé, die in dem Museum die Besucher führt, erzählt, dass eines der traditionellen Gerichte der Insel – Fungie, ein kalorienreicher Hirsebrei – früher den Zweck hatte, die nach der strapaziösen Atlantik-Überfahrt ausgemergelten Sklaven zu Kräften kommen zu lassen.

Curaçao ist weit mehr als Palmenstrand und der berühmte blaue Likör. Genau das hebe die Insel von den Urlaubsparadies-Konkurrenten Bonair und Aruba ab, sagt Reiseführer Chernov Rozier vom Curaçao Tourist Board. „Wir sind reich an Kultur und die zeigen wir“, erklärt er. „Auch, damit so etwas wie Unterdrückung nie wieder geschieht“, fügt er an und wischt sich den Schweiß von der Stirn. 32 Grad Ende September. Die durchschnittliche Temperatur auf Curaçao beträgt 27,5 Grad Celsius.

Laufende Speisekarte

„Wer auf Curaçao ist, muss Leguan probieren“, sagt Chernov. Leguan steht im Restaurant Jaanchies auf der Speisekarte. Seit 1963 gibt es das Restaurant. Leguan ist die Spezialität des Hauses und wird auf der Insel nur dort serviert. Sein Rezept verrät Jaanchie nicht. „Man fängt ihn, bereitet ihn zu und serviert ihn“, sagt er augenzwinkernd, während er als laufende Speisekarte die Tagesgerichte an jedem der Tische aufzählt. Dann verrät er noch, dass nur der knöchrige Schwanz des Tieres verwertet werde. „Vor allem Männer bestellen Leguan“, sagt Jaanchie und lacht. „Verliebte Jungs flippen danach aus.“ Leguansuppe und Gulasch seien besonders zu empfehlen. Das Fleisch, das wie Hühnchen aussieht, schmeckt nach zu lang gekochtem Rindfleisch. So außergewöhnlich wie das Essen sei auch die Insel. Eine Mischung aus Vergangenheit und Moderne, sagt Jaanchie.

Diese Mixtur lebt Dinah Verris. Sie ist eine Kräuterfrau, die aufschreibt, was nicht untergehen soll. Die 72-Jährige stellt Naturheilmittel und Pflegeprodukte aus den Pflanzen her, die auf Curaçao wachsen. Die Rezepturen sind Jahrhunderte alt und stammen auch von afrikanischen Medizinmännern, die über den Sklavenhandel in die Karibik verschleppt wurden. „Der Lebensbaum hat ein so hartes Holz, dass man daraus früher Kanonenkugeln gemacht hat“, sagt sie. Seine Rinde soll den Cholesterin-Spiegel senken, seine Blätter den Blutdruck. Zu kaufen gibt es die Produkte nicht nur in „Den Paradera“, dem „Platz, an dem du dich zuhause fühlst“, sondern auch im Internet. Auch wenn sie für jedes Leiden ein Mittel hat, so lässt sich Dinah Verris ein Mal im Jahr vom Arzt untersuchen. „Beides ist wichtig, das Wissen der Vergangenheit und das von heute“, sagt sie.

Von Maja Yüce

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