Auf dem Allerradweg in Niedersachsen fühlen sich Genussradler so richtig wohl

Vom Erdöl zu den Heidelbeeren

Stählerner Riese im Deutschen Erdölmuseum: Einer der letzten Türme, mit denen in Wietze bis in die 60er-Jahre nach Erdöl gebohrt worden ist; im Vordergrund ein Spezialfahrzeug von 1955 für Bohrlochmessungen.

Im Jahr 1858 stieß ein Geologe, der eigentlich nach Braunkohle suchte, in Wietze auf Erdöl. „Die Gegend wurde seinerzeit als Klein-Texas in der Heide bezeichnet, erklärt Martin Salesch. Dort standen tatsächlich so viele Bohrtürme, dass man meinen konnte, in Texas zu sein. Salesch ist Direktor des Deutschen Erdölmuseums, das seit 1970 auf einem ehemaligen Bohrfeld über die Entwicklung informiert. Zeitweilig sind 80 Prozent des in Deutschland benötigten Erdöls in und um Wietze gefördert worden. 1963 wurden die Anlagen stillgelegt.

Das heutige Dorf wirkt nicht wie ein ehemaliges Erdölzentrum. Wer sich im Mu-seum die alten Fotografien anschaut, glaubt nicht, dass sie gleich um die Ecke aufgenommen worden sind. Mit Raffinerie, Hafen, Bahnhof und Direktorenvillen stand das Dorf ganz im Zeichen des Erdöls. Am Schauplatz der ersten Bohrung, der seit Neuestem als Gedenk- und Informationsstätte gestaltet ist, steht die hölzerne Schlagbohranlage im Zentrum, die bald schon von effektiveren Verfahren abgelöst wurde.

Museum und Gedenkstätte sind Stationen auf dem Aller-Radweg, der von Celle bis zur Mündung des Flusses in die Weser bei Verden über 97 Kilometer fast ohne Steigungen und zu großen Teilen direkt am Ufer entlang verläuft. Auf weitere Relikte der Industriegeschichte stößt man dabei kaum. Das Unspektakuläre ist das Spektakuläre dieser Tour, die sich bestens eignet, zur Ruhe zu kommen.

Celle, als Ausgangspunkt der Tour, bietet viele Gründe, sein Rad stehen zu lassen. Die geschäftige wie gemütliche Altstadt mit ihren vielen restaurierten Fachwerkhäusern will entdeckt werden. Das von einem Park umgebene Herzogschloss aus der Renaissance zeigt an, dass die kleine Stadt einst als Residenz fungierte. Noch im 19. Jahrhundert diente die Anlage als Sommersitz des hannoverschen Hofes. Mittelpunkt der Altstadt ist das Rathaus mit seinen reich verzierten Giebeln – ein eindrucksvolles Zeugnis der Weserrenaissance.

Kurz hinter Celle empfängt die stille Flusslandschaft den Radler. Die Aller schlängelt sich durch Wiesen und Weiden, streift kleine Orte mit alten Bauernhöfen und Windmühlen. Der Museumshof in Winsen mit seinen vielen Gebäudeteilen ist eine Pause wert – nicht zuletzt wegen des Biergartens vor historischer Kulisse. Im weiteren Verlauf der Strecke wechseln Kiefernwälder mit Heideflächen. Auch stattliche, bewaldete Wanderdünen werden passiert. Bei Wieckenberg wartet dann eine weitere Überraschung. Dort versteckt sich der reiche Schmuck des barocken Inneren der Stechinelli-Kapelle hinter der schmucklosen Fassade eines Gebäudes, das eher an eine Scheune erinnert.

Eine Pause besonderer Art verspricht auch die Gegend westlich von Schwarmstedt. Dort liegt Europas größtes Anbaugebiet für Kulturheidelbeeren. Genauso gemächlich, wie sich die Aller der Weser nähert, radelt man in Richtung Verden. Schon von Weitem sieht man den mächtigen Verdener Dom, der fast klobig aus dem Stadtpanorama herausragt. In der Reiterstadt, die ein Zentrum der Pferdezucht ist und das Deutsche Pferdemuseum beherbergt, endet die Tour. Und mancher wird denken, dass es gar nicht so schlecht war, dass die Erdölförderung in der Gegend eingestellt worden ist.

Von Ulrich Traub

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