Das ostschweizerische St. Gallen feiert im nächsten Jahr seinen 1400sten Geburtstag

Erker und Erststockbeizli

Nach langem Marsch in dorniges Gestrüpp zu stürzen, das wünscht sich keiner. Aber ausgerechnet am Unglücksort seine Zelte aufzuschlagen – auf diese Idee kommen wohl nur Gottesfürchtige. Ein Glück für St. Gallen, denn ebendort, wo er unsanft gelandet war, da, wo die Steinach Richtung Bodensee ins Tal rauscht, zimmerte der irische Mönch Gallus seine Klause. Das war im Jahr 612.

Gut hundert Jahre später stand an dieser Stelle keine Einsiedlerhütte mehr, sondern ein mächtiges Kloster, dessen Ruf als Wissenschaftszentrum noch heute Touristen aus aller Welt anlockt. Die Mönche sind verschwunden, aber ihre Bibliothek beherbergt zigtausend unschätzbare Schriftstücke, wie das Nibelungenlied oder eine in Gold, Edelsteine und Elfenbeinschnitzerei gefasste Bibel, das evangelium longum. Doch St. Gallen war im Mittelalter nicht nur ein geistiges Zentrum; im „goldenen Zeitalter“ klingelten auch die Kassen. Von St. Gallen aus wurde vor allem Leinen in alle Welt verkauft. Kurz und schweizerisch gesagt: Der Stadt ging es „saumäßig guet“.

Wer heute nach St. Gallen kommt, hat, wie einst Gallus, ein Aha-Erlebnis. Für ihn ist nicht nur der – komplett dornenfreie – rote Teppich ausgerollt, nein, eine ganze Teppichlandschaft lädt unter freiem Himmel zum Ausruhen ein. Schwungvoll geformte Sofas, ein Brunnen, ja sogar ein Auto wurden mit sitzwarmem Gummigranulat überzogen. Weich geformte Leuchten – Bubbles genannt – tauchen die komplett in Rot gehaltene „Stadtlounge“ abends in unterschiedliches Licht. Einwohner und Besucher verbringen hier viele freie Stunden. Es sei denn, sie sitzen in einem der Erststockbeizlis namens Neubädli oder Schäfli und verspeisen ein Mistkratzerli. Das ist ein Hühnchen.

Doch in St. Gallen gibt es nicht nur „urchige“ Restaurants, sondern auch schmucke Erker. Da wird man schnell zum Hans-Guck-in-die-Luft. Die über hundert Erker erzählen ganze Geschichten, vor allem vom Wohlstand. Hier ein Füllhorn mit üppigen Früchten, dort eine Weltkugel und Symbole der damals bekannten vier Kontinente. Engel gewährleisteten Schutz, Fratzen mit herausgestreckter Zunge den Neid des Nachbarn. Oft schmücken Fabelwesen die Unterseite oder stützen den Aufbau.

120 Paar Filzpantoffeln nennt die Stiftsbibliothek ihr Eigen. Im Jahr 2008, als St. Gallen 25 Jahre Weltkulturerbe feierte, waren die parkettfreundlichen Latschen oft den ganzen Tag unterwegs. Auch im nächsten Jahr, zum 1400. Stadtjubiläum, wird dies voraussichtlich wieder der Fall sein. Für die Zeit vom 20. April bis 16. Oktober – Gallus’ Todestag – ist ein großes Jubiläumsprogramm in Vorbereitung. Wer vorher anreist, kommt noch in den Genuss der laufenden Ausstellung im Textilmuseum (siehe Hintergrund). Und kann in Ruhe sein saumäßig guetes Mistkratzerli essen.

Von Cornelia Raupach

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