Sanfter Winterurlaub am Weißensee in Kärnten

Wo das Eis flüstert

Tiefe Stille: Am Weißensee verbringt man seinen Winterurlaub ohne das übliche Après-Ski-Remmidemmi. Foto: Kärnten Tourismus

Jeden Winter verwandelt sich der österreichische Weißensee in die größte Natureisfläche Mitteleuropas. Eismeister Norbert Jank pflügt, bürstet, hobelt und poliert die Oberfläche täglich wie ein Juwelier seine Diamanten. Dadurch wird der See zweieinhalb Monate im Jahr zur Freizeitsportfläche für Schlittschuhläufer, Golfer, Hockeyspieler, Langläufer und Winterwanderer.

Wie Watte hängt der Morgennebel im Tal. Plötzlich gießt die Sonne einen Schluck Licht dazu und lässt den Schnee glitzern. Die ersten Kufen schaben über den zugefrorenen See. „Scht, Scht, Scht“, es hört sich an, als wolle jemand zur Ruhe mahnen. Dabei ist noch nicht viel los auf dem Weißensee in Kärnten. Erst einige Runden später schieben Mütter ihre Kinderwagen vor sich her, eine Dame im Pelzmantel trippelt ihre ersten Schritte nahe der sicheren Ausstiegskante und rudert dabei mit den Armen. Könner in Leggings flitzen mit Tempo 50 über den See und Eishockeyspieler jagen dem Puck hinterher. Das ungewöhnliche dabei: Keiner kommt dem anderen in die Quere.

Der Weißensee ist mit sechseinhalb Quadratkilometern die größte Natureisfläche Europas. Er liegt auf 930 Metern Höhe im Naturpark Weißensee. Am Ufer ragen bewaldete Steilhänge bis auf 1800 Meter empor. Hier gibt es keine Häuser mehr, keine Autos, keine Straße. Nur absolute Stille.

An manchen Tagen ist das Eis klar wie eine frisch geputzte Fensterscheibe. „Dann sieht man Forellen unter den Kufen“, schwärmt Wolfgang Wernitznig. Der sympathische Sportlehrer ist in Österreich Staatsmeister im Eislauf. An diesem Tag zeigt er Anfängern, dass Schlittschuhlaufen gar nicht so schwer ist. „Am Ufer locken Holzbuden mit Bockwurst und Glühmost. Aber der See ist nicht nur Terrain für Eisläufer. Manchmal geben sich Skilangläufer ein Wettrennen mit den Schlittschuhfahrern, denn einige der 55 Loipenkilometer führen direkt neben der Eisbahn entlang.

„Ein dunkles Knacken macht gar nichts. Gefährlich wird es nur wenn’s brezelt.“

Eismeister Norbert Jank: Von so manchem Eisläufer erntet er für seine Arbeit einen hochgehobenen Daumen oder angedeuteten Applaus.

Dass der See jedes Jahr verlässlich zufriert, ist nicht allein Petrus zu verdanken sondern auch Eismeister Norbert Jank. Er steht im Anorak und mit Pudelmütze hinter einem Absperrband und bohrt mit der Motorsäge ein Loch. „Schnee wirkt wie eine Daunendecke. Mit Löchern wird sie nass und gefriert schneller“, sagt der 65-jährige. Er beobachtet täglich den See und notiert sich, an welchen Stellen es wie lange friert. Dabei hört er das Eis knacken und rasseln, jaulen, quietschen und flüstern. „Ein dunkles Knacken macht gar nichts. Gefährlich wird es nur wenn’s brezelt“ sagt der Kälteexperte. Das sind hell-knisternde Töne von brechendem Eis.

Den Beruf als Eismeister hat er sich im Laufe der Jahre selbst erschaffen. Mit viel Liebe pflügt, bürstet, hobelt und poliert er bis zu 25 Kilometer. „Das schönste ist für mich, in die strahlenden Gesichter zu schauen wenn alles fertig ist“, sagt Jank. Besonderen Spaß macht ihm die Arbeit während der holländischen „11-Städte-Tour“. Weil in der Heimat die Grachten nicht mehr zufrieren, haben die Holländer die größte Eissportveranstaltung Europas an den Weißensee verlegt. Über 5000 Rennläufer fahren dann über den See.

International bekannt wurde der Weißensee als 1987 James Bond-Darsteller Timothy Dalton im Kinofilm „Der Hauch des Todes“ in einem Aston Martin über den See preschte und seine Widersacher dort versenkte. Norbert Jank avancierte damals für das Filmeteam zum Berater für Gefrorenes. Inzwischen fragen ihn Experten aus aller Welt nach seinen Rezepten für glattes, langlebiges Eis.

Am Nachmittag leeren sich die Bahnen. Nur die Hockey-Spieler verfolgen unermüdlich den Puck. Im Schatten ist das Eis jetzt hart und rau. Es wird weiter wachsen in der frostigen Nacht. Und wenn Petrus und Herr Jank es wollen, wird der nächste Tag wieder perfekt zum Eislaufen.

Hintergrund: Nachhaltiger Tourismus

Umweltschonende Wintersportarten und naturverträglicher Tourismus war den Anwohnern schon in den 70er Jahren wichtig. Damals wurde ihnen der Bau einer Durchgangsstraße zur Entwicklung des Tourismus empfohlen. Doch sie lehnten ab. Stattdessen setzten sie weite Gebiete unter Landschaftsschutz und installierten eine verbesserte Kanalisation, um den saubersten Badesee der Alpen vor Abwässern zu bewahren. Für Urlauber, die ihr Auto am Ortseingang stehen lassen, gibt es einen kostenlosen Shuttlebus zum See.

Weitere Informationen

• Allgemein:
Urlaubsinformation Kärnten, Casinoplatz 1, 9220 Velden, T 00 43 / 4 63/30 00, www.kaernten.at
• Eislaufen: Der See ist bei guten Wetterbedingungen in der Regel von Weihnachten bis März befahrbar. In diesem Jahr wurde der Westteil des Sees bereits am 7. Dezember zum Eislaufen freigegeben. Aktuelle Informationen unter www.weissensee.com www.natureislauf.at

• Eislaufkurse bietet die Skischule Weissensee – Peter Schwarzenbacher an, 1 Std. 20 Euro inkl. Leihschlittschuhe, A-9762 Weissensee, Gatschach 71, T 00 43 / 6 64 / 131 / 55 33, www.weissensee-bergbahn.at

• Elfstädte-Tour: Seit 1989 wird die alternative Elfstädte-Tour auf dem Weißensee von Niederländern organisiert. Vom 21. Januar bis zum 1. Februar 2014 gibt es verschiedene Rennen für Profis und Freizeitsportler. Infos über www.weissensee.nl

• Übernachten: Eines der besten Hotels am See ist das Bio-Vital-Hotel Weissenseerhof. Dort kann man herrlich entspannen und schlemmen. Es gibt einen Fitnessraum und eine Sauna direkt am See. Doppelzimmer ab 101 Euro, Neusach 18, A-9762 Weissensee, T 00 43 / 4713 22 19, www.weissenseerhof.at Günstiger übernachtet man direkt beim Eismeister im Drei-Sterne-Haus Edelweiss, Doppelzimmer ab 57 Euro inkl. Frühstück. Familie Norbert Jank, Neusach 67, A-9762 Weissensee, T 00 43 / 47 13 / 2115, www.pensionedelweiss.at

Von Monika Hippe

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