Fotos von der Stange im Museum meist tabu

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Ein Selbstporträt am Holocaust-Denkmal in Berlin ist erlaubt. In Museen sieht es oft anders aus. Foto: Felix Zahn

Das Magazin "Time" zählt den Selfie-Stick zu den 25 wichtigsten Erfindungen im Jahr 2014. Die künstlichen Armverlängerungen sind bei Touristen beliebt, Kultureinrichtungen fürchten jedoch um die Sicherheit ihrer Besucher - und ihrer Kunstschätze.

Berlin (dpa) - Ganz gleich, ob auf der Kölner Domplatte, vor dem Brandenburger Tor in Berlin oder vor Schloss Neuschwanstein in den Alpen: Überall dort, wo sich ausländische Touristen tummeln, wird mit Selfie-Sticks hantiert. Mit Hilfe der künstlichen Armverlängerungen lassen sich noch bessere Selbstporträts per Smartphone schießen. In Museen ist es auf diese Weise möglich, beispielsweise eine gesamte Halle ins Bild zu bannen.

Viele Ausstellungshäuser sehen den Trend allerdings skeptisch. Sie fürchten, dass mit den teils mehr als ein Meter langen Stangen Kunstwerke beschädigt und Besucher verletzt werden könnten. In den USA haben Dutzende Museen den Selfie-Stick bereits verboten. Zu ihnen zählen das Hirshhorn Museum und das Smithsonian Luft- und Raumfahrtmuseum in Washington, das Dallas Museum of Art, das Boston Museum of Fine Arts sowie das Getty Center in Kalifornien. Auch in New York sind die Stäbe unter anderem im Museum of Modern Art tabu.

Das renommierte Metropolitan Museum am Central Park hat für sein Verbot auch persönlichkeitsrechtliche Gründe. "Es ist eine Sache, wenn man von einer Armlänge aus ein Foto macht, aber wenn es drei Armlängen sind, dann dringt man in den persönlichen Raum von jemand anderem ein", sagte Sree Sreenivasan, beim Metropolitan für Digitales zuständig, der "New York Times".

Auf dem Petersplatz darf dagegen jeder, so viel er will, mit dem Selfie-Stick herumfuchteln - die Stäbe werden an jeder Ecke verkauft. Doch wer die Vatikanischen Museen betreten will, muss den Teleskopstab einschließen. In einer der größten Kunstsammlungen der Welt sind die Sticks seit längerem verboten. In der Sixtinischen Kapelle, die mit ihrem Michelangelo-Fresko zu den Museen gehört, darf nicht einmal fotografiert werden.

Die Uffizien in Florenz sprachen im Oktober ein Verbot aus. "Das wäre zu gefährlich, für die Besucher - und die Kunstwerke. Denken Sie nur an die ganzen Botticellis hier", sagte ein Sprecher. Die Galerien der Uffizien zeigen unter anderem Werke von Michelangelo, Leonardo da Vinci oder Caravaggio.

Die Staatlichen Museen zu Berlin stufen Handy-Stangen als "sperrige und scharfkantige Gegenstände" ein. Diese können laut Besucherordnung Kunstwerke gefährden und dürfen daher nicht mit in die Museumsräume genommen werden. Selfies für den privaten Gebrauch seien aber grundsätzlich erlaubt und erwünscht, sagte Sprecherin Anne Schäfer-Junker.

In den Häusern der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen sind spitze Dinge vom Stock bis zum Regenschirm und damit auch Selfie-Sticks tabu. "Wenn es voll ist in den Sälen, kann so ein Stick schnell in der Brille des Nebenmannes landen. Die sind einfach zu unfallträchtig", sagte Sprecherin Tine Nehler. Im Museum Brandhorst besteht seit zwei Unfällen, an denen Besucher mit Kameras beteiligt waren, sogar ein generelles Fotografierverbot.

Wie die mehr als 6000 Museen in Deutschland mit Selfie-Sticks umgehen, ist unterschiedlich. Eine einheitliche Linie gibt es nach Angaben des Deutschen Museumsbundes noch nicht. Im Leipziger Museum der bildenden Künste zum Beispiel hat kürzlich ein Fotograf sogar ein Bildseminar mit Selfie-Sticks gehalten. Die zehn Stangen bleiben im Besitz des Museums und sollen künftig etwa bei Workshops mit Kindern und Jugendlichen zum Einsatz kommen.

Eine große Touristenattraktion in Niedersachsen ist die Autostadt in Wolfsburg, die jährlich mehr als zwei Millionen Gäste zählt. Selfie-Sticks sind erlaubt, werden bisher aber selten mitgebracht. Die Besucher bewegten sich in der Regel äußerst behutsam zwischen den Oldtimern, sagte eine Sprecherin. Anlass für ein Verbot gebe es nicht.

In London ist rund um Westminster und den "Big Ben" manchmal kaum ein Durchkommen, weil so viele Touristen mit Selfie-Sticks posieren. Die meisten Museen der britischen Metropole erlauben das Fotografieren mit den Stangen. Ein Verbot wird derzeit nur vom British Museum geprüft. Auch im Pariser Louvre dürfen die Touristen sich weiter mit den Fotostangen vor den Kunstschätzen ablichten. Bislang stehe das Thema Verbot nicht zur Debatte, hieß es aus der Museumspressestelle.

Das Prinzip eines Selfie-Sticks ist einfach: Das Smartphone oder die Kamera werden an das Ende des ausklappbaren Stabes geschnallt. Auf diese Weise lässt sich ein Selfie - also ein Selbstporträt mit dem Handy - machen, ohne dass der eigene Arm auf dem Bild zu sehen ist. Den Auslöser drückt der Fotograf an der Stange, die Verbindung zum Gerät wird meist über Bluetooth hergestellt. Zunächst nutzten vor allem Extremsportler die Sticks, inzwischen sind die künstlichen Armverlängerungen vor Sehenswürdigkeiten in aller Welt zu sehen. In Deutschland setzen sich Touristen zum Beispiel vor dem Kölner Dom oder vor dem Brandenburger Tor mit Selfie-Sticks in Szene.

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