Gemütlicher Futurismus

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Kubus in Blau: Die Konzerthalle des französischen Skandal-Architekten Jean Nouvel wurde 2009 eröffnet. Der Bau der Halle sprengte vorher veranschlagte Preisdimensionen und führte zur Entlassung von 200 Radiomitarbeitern und der Einschränkung weniger populärer Programme. 

Smørbrød und mobile Würstchenbuden, märchenhafte Szenen im Vergnügungspark Tivoli, Royals und Meerjungfrau zum Anfassen: So hyggelig-gemütlich kannte man Kopenhagen. Aktuell ist das dänische Hauptstädtchen fast unbemerkt zur Avantgardemetropole aufgestiegen.

Die weltbeste Wohnimmobilie, ein Konzerthaus wie vom Himmel gefallen, Lichtkunst von Olafur Eliasson in neuer Oper und altem Schlachterviertel, dazu 13 Michelinsterne und die frisch servierte Goldmedaille für das Restaurant Noma: Das Hoch im Norden ist plötzlich da, und es ist stabil. Undänisch rasant definiert sich die Øresund-Kapitale seit einem Jahrzehnt neu. Aber nicht um jeden Preis. „Wir sind konservativ und diskutieren lange, bevor wir was bauen“, verrät Architekturführer Bo Christiansen. So hat die Sorge um das gemütliche Antlitz der Innenstadt manchen Baumeister ausgebremst. Sir Norman Foster etwa sollte der Stadt einen Hotelturm zwischen Tivoli und Rennaissance-Rathaus zaubern, aber die öffentliche Meinung kippte den kalkulierten Stilbruch. Foster schuf stattdessen den Elefanten im Zoo ein glasbekuppeltes Traumhaus.

Die Metro als Zeitmaschine

Bo beginnt seine Touren gern am eleganten Innenstadtplatz Kongens Nytorv, frisch mit Kopfsteinpflaster auf gemütlich gestylt. Dort steigt man in den Metroschacht wie in eine Zeitmaschine. Gerade hat man sich daran gewöhnt, dass kein Fahrer den Tunnelblick versperrt, da schwebt die modernste Metro Europas schon als Hochbahn auf Stelzen. Nach fünf Minuten Fahrt kollidiert sie fast mit einem kobaltblauen Kubus. Magnetisch fast zieht das neue Rundfunk-Konzerthaus den Zug an.

Der Hochbahnhof DR Byen ist eine tolle Aussichtsplattform für den neuen Medienkomplex. Stararchitekt Jean Nouvel hat dem aus der Prärie schießenden Stadtteil Ørestadt ein blaues Akustikwunder verpasst.

Architektur-Alchemie

Zwei Metrostationen weiter liegt die Visitenkarte des neuen dänischen Architektenstars Bjarke Ingels. Bjerget – Berghaus – ist eine Symbiose aus Apartements und Parkhaus. Achtzig Wohnungen balancieren auf einer Auto-Kathedrale, mit einer nach Süden abfallenden Balkonlawine. Architektur-Alchemie nennt Ingels das vom Weltarchitekturfestival als weltbestes Wohnhaus ausgezeichnete Bauwerk.

Auch entlang des zentralen Hafenkanals überrascht das neue Kopenhagen. Im Wasserbus lässt es sich fein an der protzigen Oper und dem eleganten – wie auf Stelzen schwebenden – Schauspielhaus vorbeigleiten. Die Vision von transparentem und demokratischem Bauen am Wasser vermittelt auch die aufgespaltene schwarze Granitfassade der Staatsbibliothek. Und so soll’s weitergehen – ökologisch korrekte Pläne für ganze Stadtviertel liegen vor. „Platz für unsere Gemütlichkeit muss aber immer eingebaut sein“, verlangt Bo. Kopenhagen liegt halt immer noch in Dänemark.

Reisetipps

Anreise: Mit dem Nachtzug (Citynighline über Fulda, Ankunft Kopenhagen tägl.10.06 Uhr), oder mehrmals tagsüber über Hamburg und Puttgarden: www.bahn.de. Verschiedene Airlines fliegen von Frankfurt nach Kopenhagen. Zum Beispiel mit SAS, Lufthansa oder Air Berlin ab rund 130 Euro. Die Flugzeit beträgt rund 1, 5 Stunden. Stadtführungen: Auf der Website www.scaledenmark.dk können Stadtführungen durch Architekten gebucht werden; Tel.: 00 45 / 3 31 310 36
Weitere Infos: Dänisches Fremdenverkehrsamt, Glockengießerwall 2, 20095 Hamburg Tel.: 0 40 /3 20 21-0,
Internet: www.visitdenmark.com. Noch gezielter über www.visitcopenhagen.com. Architektonische Podwalks für den MP3-Player findet man auf der Stadtentwicklungswebsite www.cphx.dk.

Von Martin Müller

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