Die 6500 Inseln und Inselchen des Åland-Archipels liegen auf halbem Weg zwischen Stockholm und Helsinki

Ein ganz besonderes Stück Ostsee

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Skandinavische Bilderbuchlandschaft: Rot gestrichene Holzhäuser, sattes Grün und überall ist das Meer nicht weit. Fotos:  Steimle

Wie fängt man an, von Åland zu erzählen? Am besten so: „Mach die Augen zu und stell’ dir vor...“ – erstmal einen endlos weiten, blauen Ostseehimmel, ein paar Schönwetterwölkchen über einer Schärenküste aus den Inga-Lindström-Filmen, ein Segelboot darf auch nicht fehlen und fern am Horizont eine dicke Finnland-Fähre.

Fotogalerie: Impressionen von den Åland-Inseln

Setze Michel mit der Angelrute auf den Steg und ein rotes Holzhaus an den Waldsaum, von dem vorne an der Straße nur der kunterbunt bemalte Briefkasten zu sehen ist. Und dann stell’ dir das Meer vor wie die Sonne auf den Wellen glitzert, wie man auf dem durchgewärmten Fels liegt und sich die Füße von den Wellen lecken lässt.

Zählte man statt der Wolken jedes Fleckchen Land, das hier aus der Ostsee ragt, so käme man auf rund 6500 Inselchen und Inseln. Gerade einmal 60 davon sind bewohnt. Die größten ballen sich zu einer kleinen Landmasse, die über Brücken, Straßendämme oder Kabelfähren gut verwoben ist und meistens nur von einem schmalen Sund oder einem unscheinbaren Wasserlauf zertrennt wird. 28 000 Menschen leben auf dem Archipel, Finnen nach dem Pass, im Herzen und nach Selbstverständnis Åländer und schwedischsprachig und von Helsinki viel weiter weg als nur den Katzensprung, den die Fähre bis nach Turku auf das Festland braucht.

Nordland-Charme

Beliebtes Ausflugsziel: Schloss Kastelholm beherbergte einst einige Schwedenkönige – nicht alle waren freiwillig dort.

Man hält sich am besten frei von allen Zwängen, wenn man Åland näher kennenlernen möchte. Sich ein Fahrrad nehmen und einfach mal der Lust, der Laune und einer Straßenkarte folgen, die an vielen Orten gratis ausliegt. Ein Musst-du-unbedingt-gesehen-haben gibt es nicht. Kein Nordkap ruft, kein Zauber-fjord, kein ausgetretener Touristenpfad. Es sind die Kleinigkeiten, die Ålands Nordland-Charme beschreiben: die Blumenpracht ab Mitte Mai, das rote Haus am blauen Sund, grasende Schafe in unglaublich sattem Grün, üppige Wälder und steinalte Inselkirchen, das krumme Windrad und der Bildband-Bauernhof, bunt geschmückte Mittsommerstangen und der Kaufladen mit Klatsch und Tratsch und den neuesten Briefmarken der Inseln. Die gibt es übrigens, als weltweit sichtbares Symbol von Ålands Eigenständigkeit, seit 1984.

Der Puls der Zeit schlägt in Mariehamn, der kleinen aber feinen Hauptstadt Ålands.

11 000 Menschen leben auf der Halbinsel mit ihren Schachbrettstraßen und den malerischen Holzhäusern aus dem 19. und frühen 20. Jahrhundert. Grün regiert die kleinste Kapitale Skandinaviens, die wegen ihrer prächtigen Alleen auch den Beinamen „Stadt der tausend Linden“ trägt. Neben den Bauten der åländischen Selbstverwaltung sind es nicht zuletzt die beiden Hafenfronten, die den Alltag hier bestimmen. Die Stadt ist fester Zwischenstopp der Ostseefähren auf der Route Schweden – Finnland oder Richtung Estland.

Zottelrinder und Malereien

Gänzlich abseits von Mariehamn und dem Rest der großen weiten Welt nimmt das Leben auf den Außeninseln seinen Gang. Auf Jurmo warten Zottelrinder und eine Jugendherberge auf Gäste, auf Lappo ein große Sammlung Bauernboote, Enklinge besitzt einen Hof aus dem 16. Jahrhundert, und das Inselkirchlein von Kumlinge überrascht mit sehenswerten Malereien. Fast alle dieser Inseln sind mit Schärenfähren mehrmals am Tag erreichbar, und so lädt Åland auch mal ein zum Inselspringen – wenn nicht jetzt, dann eben später. Der Michel mit der Angelrute bleibt ganz gewiss so lange sitzen.

Hintergrund

Unbeugsame Insulaner
Postweg, Landbrücke und Zankapfel zwischen Schweden, Finnland und dem Zarenreich, das war Åland praktisch seit der Zeit der Wikinger, und erst ein Beschluss des Völkerbundes im Jahr 1921, der die Inseln Finnland zusprach, schuf den Zustand, auf den die Menschen hier bis heute stolz sind: neutral und ohne Militär, auf weiten Feldern selbstverwaltet, autonom in Sprache und Kultur und selbst nach Finnlands Beitritt zur EU nur dort, wo’s gut tut, mit dabei - und, wo es vorher besser war, doch lieber außen vor.

Reisetipps

Die Fähre kostet für Radler nichts

Auskunft: Visit Åland, AX-22100 Mariehamn, Åland-Inseln, T 0 03 58 / (0)18 240 00, www.visitaland.com
Finnische Zentrale für Tourismus, visitfinland.com
Anreise: Es gibt keine direkten Fähren oder Flugverbindungen ab Deutschland, mehrere Fährlinien legen auf der Route von Schweden (Stockholm/Kapellskär) nach Finnland (Turku/Helsinki) in Åland an (Silja Line, Viking Line).
Günstig und schnell: Eckerö Linjen ab Grisslehamn/Schweden. Im Juli/August sollte man allerdings besser reservieren.
Unterwegs auf Åland: Busnetz zwischen Fährhäfen und Mariehamn, Haltestellen unterwegs oft ohne Fahrplan; Stadtbus Mariehamn ist gratis. 4 Fährlinien laufen mehrmals täglich die Außeninseln an (gratis für Radler und Fußgänger), auch günstige Weiterreise nach Finnland (über Insel Brändö) möglich. Das Straßennetz ist gut ausgebaut, auch Nebenstraßen sind asphaltiert, Straßenkarten gibt es gratis auf den Fähren. Åland ist mautfrei.
Reisezeit: Ganzjährig. Reiche Blumenpracht ab Ende Mai, außerhalb der Hauptsaison Juli/August kann aufs „Geratewohl“ angereist werden.
Literatur: Heiner Labonde u.a. „Åland-Inseln“, Edition Elch

Von Lothar Steimle

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