Dolce Vita und stramme Wadl

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Volle Kraft voraus: Die Radlstrecke führt am Gardasee entlang und zeitweise auf Schotterpisten in Richtung Ledrosee.

Es ist sportliches Neuland: Das Thema E-Bike oder Pedelec – Radfahren mit Kraftverstärker. Und was neu ist, will getestet werden. Sport-Redakteur Andreas Werner begleitete eine Leserreise an den Gardasee...

...bei der die Landschaft mit den neuen Rädern erkundet wurde. Ein Fahrvergnügen für Jung und Alt unter dem Motto: Dolce vita und stramme Wadl.

Teamarbeit: Die Radl werden abgeladen.

Die Signoras mit ihren schwarzen Kleidern und ihren strengen Nackenknoten sehen aus, als würden sie schon seit Jahrhunderten hier im italienischen Hinterland herumspazieren, südländisch stolz, uneinnehmbar schön. Wenn solche Signoras „Bravo, bravo“ rufen, dann bedeutet das was. Hans, 74, tritt unter dem Beifall der Damen gleich viel schneller in die Pedale. Wir befinden uns in den Olivenhainen zwischen dem Gardasee und dem Lago di Ledro. Auf unserem Weg haben wir Mountainbiker überholt, die sich mit Schweißperlen auf der Stirn den Hang hochkämpften, während unsere Riege recht komfortabel unterwegs war. Das Geheimnis ist der kleine Motor an unseren Rädern, der unterstützend zur Muskelkraft surrt. Selber treten muss man schon, wir tuckern nicht mit EBikes, sondern mit Pedelecs bergan. Die Motoren fungieren nur als Hilfe, wer nicht aktiv radelt, bleibt stehen. „Endlich mal ein Funsport-Gerät für die ältere Generation“, sagt Richard. Er düst meistens vorneweg. Im Herbst geht er in Rente.

Ladestation: Frische Power gibt’s über Nacht.

Wir sind schnell – zu schnell. Halten wir das Tempo, müssten wir am Ziel auf den Bus warten, der uns abholen soll. Also wird kurzerhand noch eine Schleife zur Madonna-Statue am Westufer des Gardasees eingebaut. Noch sind die Pedelecs Neuland – für Organisatoren wie für Reiseteilnehmer. Man ist sich noch nicht im Klaren, was alles möglich ist mit diesen Geräten. Eines lässt sich aber schon am ersten Tag sagen: Fast nichts scheint unmöglich. Okay, richtig steile Anstiege sind schwer zu meistern. Die Räder, stabile Fabrikate, die viel aushalten, bringen ein ordentliches Gewicht mit. Allein der Akku, der über Nacht am Bus aufgeladen wird, wiegt acht Kilo. Insgesamt hat ein Pedelec 25 Kilo Gewicht, das man spürt, wenn es steil bergauf geht. Die spielerische Leichtigkeit mag sich dann zwar verflüchtigen, doch das Fahrvergnügen bleibt.

Manche werden dabei richtig übermütig. „Mir taugt das Radl so – ich fahr’ damit gleich bis nach München heim“, sagt Gerty aus Emmering. Nicht wenige in der Gruppe wären gleich dabei. Es hat sich insgesamt ein bemerkenswerter Teamgeist breitgemacht. Am schönsten lässt er sich an der Busrampe erkennen, wenn die Räder ein- oder ausgeladen werden. Walter schiebt sie von oben runter, wo Richard die Lenker neu justiert. Reiseleiter Wolfgang kommt bei dieser Fließbandarbeit kaum nach, die Akkus einzuklicken. Auch bei diesem Arbeitsschritt helfen die Gruppenmitglieder. Man will ja los. Der Berg ruft.

Entdeckertour: Im mittelalterlichen Canale.

Am Schluss der viertägigen Reise steht der Tacho bei rund 100 gefahrenen Kilometern. Die Gruppe hat die Ufer des Gardasees erkundet, ist zum Ledrosee gestrampelt, hat das Türkis des Tennosees umrundet, den sanft schlummernden Cavedinesee besucht und die stattlichen Festungen am Toblinosee bestaunt. Ein stolzes Pensum. Der Gardasee ist ein großer Abenteuerspielplatz. Mit E-Bikes und Pedelecs öffnen sich hier nun auch der älteren Generation wieder neue Wege. Zu Plätzen, die man sonst eher nicht erreicht. Reiseleiterin Petra führt uns nach Canale. Die Mountainbiker strampeln hier vorbei auf ihren Touren, kaum einer weiß, dass sie ein Kleinod links liegen lassen. In den engen Gassen hängen noch Gesetztafeln aus der Ritterzeit, Canale ist ein Ort, an dem die Uhren irgendwann im Mittelalter ausgesetzt haben müssen. „Einmalig!“, haucht Martina ehrfurchtsvoll. Sie ist 80, die älteste in der Gruppe, aber fit wie ein Turnschuh.

Durch eine niedrige Tür geht es in einen Gastraum, der vom Geruch offenen Feuers erfüllt ist. In einem Topf köchelt Polenta, die mit Pilzen serviert wird, dazu gegrilltes Gemüse, luftgetrockneter Schinken, herzhafter Käse und Oliven. Die Weingläser klirren. „Das nenn’ ich Dolce Vita“, sagt Hannes. Ist ja auch redlich verdient, sagen wir. Wo doch sogar die stolzen Signoras „Bravo“ rufen. Und den Trip morgen in die Eisdiele Flora in Riva, wo es das beste Gelato Italiens gibt, den schaffen wir mit links. Wozu hat man denn seinen Kraftverstärker.

REISE-INFOS ZUM GARDASEE

REISEZIEL Der Gardasee liegt auf 65 Metern Meereshöhe in der norditalienischen Region Trentino-südtirol. An seinem nördlichen Ufer türmen sich bis zu 2000 Meter hohe Gipfel auf.

AUSRÜSTUNG Die Räder, sogenannte Pedelecs, sind mit an Bord. Die Teilnehmer sollten einen Helm und bequeme Radbekleidung mitbringen. Am Bus befindet sich eine Ladestation für die Akkus.

NÄCHSTER TERMIN Die nächste viertägige Reise mit den Pedelecs an den Gardasee führt Geldhauser Busreisen vom 25. bis 28. September durch. Preis: 685 Euro im DZ, 729 Euro im EZ.

LESERREISE Die nächste Leserreise mit den Pedelecs führt vom 28. August bis 2. September durch Kärnten, an den Faaker, den Ossiacher, den Pressegger und den Wörthersee und entlang des Drauradwegs. Preis: 999 Euro im DZ, 1085 Euro im EZ. Buchung bei Geldhauser Reisen, Tel. 089/ 22 08 61. Infos im Internet: www. merkur-online.de/leserreise.

RADREISEN MIT DEN PEDELECS: Das sagen die Teilnhemer

Gerhard und Gabriele D., Niederroth

Reise überredet worden. Ich dachte erst: e-Bike? Pedelec? Ich kann doch noch selber radeln! Ich gehör doch nicht zum alten Eisen! Aber dann haben wir uns doch entschlossen, es mal auszuprobieren, und das war gut so. Es ist hier am Gardasee eine richtige Abenteurergruppe entstanden, auch mit älteren Semestern bis zu 80, die munter dabei waren. Da muss man schon Hochachtung haben. So etwas muss man fördern. Viele ältere Menschen sitzen ja oft nur noch zu Hause und denken, sie können nicht mehr so, wie sie wollen. Mit diesen Rädern schaffen auch die das noch.“ Gerhard und Gabriele D., Niederroth

Johann H., Ismaning

„Mit diesen neuen Rädern ist der Spaßfaktor von früher wieder da. Da kannst du locker mal 60, 90 Kilometer strampeln, ganz wie ein Junger. Ich war immer schon viel unterwegs, mit dem Mountainbike und mit dem Motorradl, aber mit meinen 74 Jahren wird alles nicht leichter, da denkst dir dann schon: Das wird mir jetzt zu blöd! Jetzt habe ich eine neue Alternative. Und bei diesen Pedelec ist es ja nicht so, dass man auf dem Radl hockt und nix macht – das ist schon immer noch sport! Ich werde mir sicher so ein Radl anschaffen.“ Johann H., Ismaning

Walter und Elisabeth S., Garmisch-Partenkirchen

„Was uns so gefällt, ist der Pärchen- Charakter dieser Räder. Da kann man auch mithalten, wenn der Partner einen Tick flotter unterwegs ist. Das nächste Plus: Man kommt jetzt auch wieder in höhere Regionen rauf, ohne unbedingt auf einen Bus angewiesen zu sein. Für Mountainbike- Touren sind die Dinger zwar noch nicht wirklich geeignet, aber wir werden die Entwicklung im Auge behalten. Man wird ja auch nicht jünger.“

Walter und Elisabeth S., Garmisch-Partenkirchen

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