Madagaskar ist ein tropisches Naturparadies mit einzigartiger Flora und Fauna im Indischen Ozean

Geister des Regenwaldes

Größte der rund neunzig Lemuren-Arten auf Madagaskar: Der Indri hat Puschelohren wie Staubwedel und seine gelben Augen leuchten, als hätte er in seinem Innern eine Lampe angeknipst. Sein Gesang erinnert an eine Feuersirene oder ein Nebelhorn. Fotos: Hippe

An diesem Tag ist es ganz trocken im Regenwald. Die Sonne gleißt zwischen den Äste der Palmen und Pinien hindurch. Das Laub knistert bei jedem Schritt. Luc ruft mit piepsiger Mädchenstimme „Maki maki makiiiiii“ durch das Dickicht, gefolgt von einem „sifakakakaaaa“. Er will seinen Gästen so viele Makis und Sifakas wie möglich zeigen. Seit zehn Jahren arbeitet der Guide im Nationalpark Andasibe-Mantadia im Osten Madagaskars und weiß wie man die Lemuren anlockt. Die seltsamen Geschöpfe gelten als Urahnen der Menschenaffen.

Seit sich die Insel vor etwa 150 Millionen Jahren vom afrikanischen Festland abgelöst hat, konnten sich Rotstirnmakis, Schleichkatzen, igelähnliche Tenreks und fleischfressende Kannenpflanzen entwickeln – tausende Tier- und Pflanzenarten, die man sonst nirgendwo auf der Welt findet. Und ständig werden neue entdeckt. Kein Wunder, dass die Regenwälder an der Ostküste der Insel im Jahr 2007 zum Weltnaturerbe ernannt wurden. Ein Wahrzeichen ist der Ravenala – der „Baum der Reisenden“ – ein palmengroßes Bananengewächs, das Durstige mit Wasser versorgt, weil es in seinem Stamm bis zu zwei Liter Regen speichern kann. Auch die Lemuren sind nur hier zuhause.

Klettern im Affenbrotbaum

Urlauber kommen nicht nur wegen der Lemuren nach Madagaskar. Sie besuchen die einzigartigen Affenbrotbäume, an denen man neuerdings hochklettern und in der Krone übernachten kann. Sie wandern durch das zerklüftete Felsmassiv im Westen oder faulenzen an den palmengesäumten Traumstränden.

So vielfältig die Tierwelt ist, so verschieden sind auch die Einheimischen. Alle 18 Völker, die auf Madagaskar leben, sind dunkelhäutig. Und doch ist jedes anders, denn die Vorfahren stammen vom Festland, aus Asien, Arabien, von europäischen Seefahrern und französischen Kolonialisten. In einigen Stämmen sind Hexen- und Zauberglaube noch lebendig und das Wissen der Medizinmänner gefragt. Die meisten Madagassen leben vom Fischfang oder bauen Reis, Kaffee und Vanille an. Achtzig Prozent der Vanille auf dem Weltmarkt wird in Madagaskar produziert.

Die Lemuren im Reservat Palmarium schnorren häufiger und dreister. Sylvain kann ein Lied davon singen. Jeden morgen hocken die Geister des Waldes im Baum vor seiner Lodge, die ein paar Lianenschwünge weiter östlich am Ampitabe See liegt. Sobald sich einer von ihnen nähert, um Bananen vom Frühstückstisch zu ergattern, verscheucht Sylvain ihn. Gäste nennen ihn „Lemurenwächter“.

Der Madagasse aus Andranokoditra musste sich erst an die vielen Tiere gewöhnen, als er vor 15 Jahren hierher kam. „Anfangs hatte ich besonders vor den Chamäleons großen Respekt. Als ich mal eines hochhob, wurde es knallrot vor Zorn und ich habe es schnell wieder auf den Ast gesetzt“, erzählt Sylvain und lacht.

Am Mittag serviert er Zebufilet vom madagassischen Rind mit Karotten und Zucchini. Immer wieder schweift sein Blick zum Baum hinauf. „Klar, ist es etwas anstrengend die Tiere fernzuhalten, aber wenn ich sie zwei Stunden nicht gesehen habe, vermisse ich sie richtig“ gesteht er. Dabei leuchten seine Augen fast so, wie die der glutäugigen Kerlchen.

Von Monika Hippe

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