Kaum jemand kennt Tuwa im Herzen Asiens – doch seine kulturellen Schätze lohnen eine Reise dorthin

Gold, Geister und Gesang

+
Weise Frau: Schamanin Aida Lanzyi beschwört die Geister, heilt Krankheiten und bittet um die Vergebung der Sünden.

Es ist es 29 Grad heiß in Tuwa. Der Bus rumpelt durch die Schlaglöcher einer Asphaltstraße. Mitten in der Steppe bremst der Fahrer. Die Berge sind weit weg, kein Baum, kein Haus, an dem das Auge sich festhalten kann.

Der Grund für den Busstopp liegt am Boden: Ein Steinkreis markiert die Stelle, an der ein deutsch-russisches Archäologenteam im Jahr 2001 einen Sensationsfund gemacht hat, der von seiner Bedeutung mit dem Grabfund Tutanchamuns in Ägypten verglichen wird: Ein skythisches Fürstengrab mit über 6000 Schmuckstücken aus Gold. Ein Teil davon ging in Ausstellungen als „Das Gold der Tuwa“ um die Welt. Der Schatz ist nun im Nationalmuseum in der Hauptstadt Kyzyl zu sehen. In Tuwa sind archäologische Funde keine Seltenheit. Allein in der Ebene bei Arzan liegen hunderte Hügelgräber, die meisten sind unerforscht.

Die unabhängige russische Republik Tuwa ist ein Stecknadelkopf auf der sibirischen Landkarte, gerade mal halb so groß wie Deutschland. Bisher gibt es nur zwei Straßen, die ins Land führen. Doch in ein paar Jahren soll die Anbindung an die Transsibirische Eisenbahn fertig sein. Dann wird ein Touristenboom erwartet. Bis dahin begrüßt die Tourismusdirektorin am Startpunkt im russsischen Krasnoyarsk noch jeden Pauschalurlauber persönlich. Mit dem Bus geht es vorbei an den beiden größten Wasserkraftwerken, das Dorf Schuschenskoje, in dem Lenin von 1897 bis 1900 in Verbannung lebte, und über das schroffe Sayangebirge. Dahinter vermutete man früher das Ende der Welt.

Dabei liegt hinter den Bergen der – wenn auch umstrittene – Mittelpunkt Asiens, symbolisiert durch einen Obelisk. Er steht am Ufer der Flüsse Kleiner und Großer Jenissej, die sich dort zu einem mächtigen Strom vereinen und nach 4000 Kilometern ins arktische Eismeer fließen.

Kehlkopfmusik

In Tuwa wird auch der Ursprung der Kehlkopfmusik vermutet. Eine Kostprobe davon erhalten die Urlauber abends im Jurtencamp. Andrey Mongush singt mit seiner Band die alten Volkslieder, die er als Kind beim Rinderhüten vom Vater gelernt hat. Aus seiner Kehle dringt ein seltsames Röhren, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Gleichzeitig ertönt eine pfeifende, fast zwitschernde Melodie, sodass man unwillkürlich die Jurte nach einem verirrten Vogel absucht. Die Kunst des „Chöömej“ ist es, zwei Stimmen gleichzeitig zu singen. Wie anstrengend das ist, kann man Andrey ansehen.

Am nächsten Abend kommt ein Schamane ans Lagerfeuer im Jurtencamp, um der Gruppe viel Glück für die Reise zu wünschen. Auf dem Kopf des Heilers thront ein gebogener Fächer aus Vogelfedern. Das Gesicht ist zerknittert wie Pergamentpapier. An seinem Gewand hängen kleine Glöckchen, die bei jeder Bewegung klingeln. Beißender Weihrauch steigt in die Nase. Er trommelt, tanzt sich in Trance und krächzt dabei wie ein Rabe. Ohne Vorwarnung knallt er plötzlich mit einer Peitsche einmal auf jeden Rücken – das soll böse Geister austreiben.

Es schmerzt nicht, aber die meisten zucken vor Schreck gehörig zusammen. Die Tuwa hatten schon immer einen Hang zum Übersinnlichen. In ihrer Welt hat alles eine Seele, die Berge sind Großväter, die Flüsse sind Schwestern und die Steine sind ganz und gar nicht leblos wie in unserer Welt. Wenn man einen Stein bewegt, weint er drei Tage lang, so heißt es. Mag sein, dass dieser Respekt vor der Natur ein Grund ist, warum der Schatz im Fürstengrab über Jahrtausende unentdeckt in der Erde bleiben konnte.

Von Monika Hippe

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare

Unsere Kommentarfunktion wird über den Anbieter DISQUS gesteuert. Nutzer, die diesen Dienst nicht verwenden, können sich hier über das alte HNA-Login anmelden.

Hinweise zum Kommentieren:
In der Zeit zwischen 17 und 9 Uhr werden keine neuen Beiträge freigeschaltet.

Auf HNA.de können Sie Ihre Meinung zu einem Artikel äußern. Im Interesse aller Nutzer behält sich die Redaktion vor, Beiträge zu prüfen und gegebenenfalls abzulehnen. Halten Sie sich beim Kommentieren bitte an unsere Richtlinien: Bleiben Sie fair und sachlich - keine Beleidigungen, keine rassistischen, rufschädigenden und gegen die guten Sitten verstoßenden Beiträge. Kommentare, die gegen diese Regeln verstoßen, werden von der Redaktion kommentarlos gelöscht. Bitte halten Sie sich bei Ihren Beiträgen an das Thema des Artikels. Lesen Sie hier unsere kompletten Nutzungsbedingungen.

Die Kommentarfunktion unter einem Artikel wird automatisch nach drei Tagen geschlossen.