Die grüne Seite der Langsamkeit

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Kleine Pause: Die Langsamkeit gewinnt beim Radwandern entlang des Ille-et-Rance-Kanal neue Bedeutung.

Laut quietschend kämpft Don Quichotte seinen einsamen Kampf. Als rostige Skulptur reitet der traurige Ritter im kleinen Freilichtmuseum von Lizio in der Bretagne unentwegt gegen die Windmühlen. Eine verbeulte Blechtonne dient seinem Pferd Rosinante als Korpus, aus alten Rohren, Stangen und Büchsen hat Robert Coudray den Pferdekopf geformt, ein paar Felgen bilden die Beine. Als „Dichter und Schrottsammler“ will der Künstler mit seinen Metatallfiguren Ideen säen.

Ohne Räder geht da nichts. Felgen, Speichen und Lenker baut Coudray bevorzugt in seine Objekte ein – und freut sich besonders über jene Besucher, die per Rad zu ihm kommen. „Seit der neue Weg von Josselin nach Malestroit fertig ist, finden immer mehr Radfahrer hierher nach Lizio“, erzählt Coudray.

Auf grünen Wegen entspannt durch das Land

Die Bretagne macht es den Radfahrern leicht, auf Entdeckungstour zu gehen. Während die 3000 Kilometer lange Küste der Halbinsel gerne von Wanderern erobert wird, entwickelt sich das geschichtsträchtige Binnenland des keltischen Armoricas zusehends zum „Terrain de cycliste“. „Rund 800 Radweg-Kilometer wurden bislang gebaut“, erzählt Servane Piron vom bretonischen Tourismusverband. „2000 sollen es in den nächsten zehn Jahren werden.“

Lustig: Kuriose Skulpturen aus Metallschrott zeigt der Künstler Robert Coudray in seinem Museum in Lizio.

Acht Voies vertes (grüne Wege) durchziehen derzeit die Bretagne vom Ärmelkanal bis zum Atlantik, alle dürfen ausschließlich von Radfahrern, Wanderern und Reitern benutzt werden. Grün steht auch für leicht. Fast alle Strecken sind geschottert und haben eins gemein: Sie führen auf ehemaligen Bahntrassen oder entlang von Flüssen und Kanälen flach durchs Land und lassen sich ohne jede sportliche Vorbildung mühelos bewältigen.

Als ein Ausgangspunkt bietet sich die Côte d’Emeraude an, die Smaragdküste gegenüber der britischen Insel Jersey. Im Seebad Dinard, das geprägt ist von zarten Spitzgiebeln, filigranen Türmchen und extravaganten Erkern, lebt die Belle Epoque. Am Place de Newquay startet die gut hundert Kilometer lange Route nach Rennes.

Fernab von jedem Autoverkehr gewinnt die Strecke mit jedem Kilometer an Attraktivität. Die Radler fahren unter dem schattenspendenden Blätterdach der Eichen vorbei an mannshohen Ginstersträuchen, tauchen ein in das tief-satte Grün das Rance-Tals vor dem malerischen Etappenziel Dinan und genießen tagsdarauf die energiegebende Ruhe entlang des Ille-et-Rance-Kanal.

Vom Bike aufs Boot

Steigern (und kombinieren) lässt sich diese Variante des Urlaubs in der Bretagne mit einem Hausbootausflug. Der Wechsel von Lenker und Steuerrad bereitet keine Probleme, schon nach wenigen Kilometern hat jeder den Dreh raus. Mit behäbigen sechs Stundenkilometern tuckern die Schiffe, die ohne Bootsführerschein zu mieten sind, über die Flüsse Erdre, Isac, Oust und Aulne. Und natürlich über den 360 Kilometer langen Nantes-Brest-Kanal. In kurzen Abständen locken nahe Ziele zum Aufenthalt. Zum Beispiel der Legendenwald Brocélande, in dem einst Zauberer Merlin, König Arthus und seine Ritterrunde zuhause gewesen sein sollen.

Reisetipps

Anreise: Mit dem Auto über Paris, von dort in ca. drei Stunden auf mautfreier Autobahn nach Rennes. Mit der Bahn über Paris nach Rennes, Brest, Quimper oder Saint Malo. Air France bietet von fast allen deutschen Flughäfen Verbindungen nach Paris und weiter nach Rennes oder Nantes an.
Radwege: Acht autofreie Fernwege (Voies vertes) stehen derzeit zur Auswahl. Zahlreiche Verleihstationen bieten Räder an, die Hotellerie lockt mit Spezialangeboten für Radler. Detaillierte Routenbeschreibungen unter www.randobreizh.com
Hausboote: Sieben Agenturen bieten Routen ab Dinan, Hédé, Messac, Redon, Rohan, Pontivy, La Reoche-Bernard und Sucé-sur-Erdre an. Ein Boot für vier Personen kostet pro Woche je nach Saison und Qualität zwischen 1000 und 3000 Euro.
Infos: www.canaux-bretons.net Allgemeine Infos: Französisches Fremendenverkehrsamt, Zeppelinstraße 37, 60325 Frankfurt, Tel.: 09 00 / 1 57 00 25 (49 Cent/Minute), www.franceguide.com, www.bretagne-reisen.de

Von Stefan Gruber

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