Unter der rheinischen Fachwerkstadt Oppenheim verbergen sich 600 Gewölbe

Hinein in die Unterwelt

Viel Grund zum Staunen: Männer und Frauen besichtigen die spannenden und prächtigen Gewölbe im Oppenheimer Untergrund. Fotos: Seger

Wer die Oppenheimer Altstadt besucht, sollte einen Abstecher in die Unterwelt einplanen. Unter dem Rathausplatz lädt nämlich ein 40 Kilometer langes Kellerlabyrinth aus uralten Gewölben, Gängen, Nischen und Treppen zu unterirdischen Spaziergängen ein.

„Es ist eine ganze Stadt unter der Stadt“, schwärmt die Fremdenführerin Annette Pender-Bingenheimer bei ihren einstündigen Rundgängen. Etwa 600 Kelleranlagen verbergen sich im Oppenheimer Untergrund auf bis zu fünf Ebenen – und alle sind durch Gänge und Tunnel miteinander verbunden. Manche wirken wie karge Felsenkammern und Höhlen. Andere erinnern an Kathedralen oder Ratssäle: Denn sie haben Rund- und Spitzbögen, prächtige Tonnengewölbe, Brunnen und Lüftungsschächte. „25 000 Quadratmeter Kellerflächen sind in Oppenheim bekannt, aber nur fünf Prozent sind für uns gesichert und zugänglich gemacht worden“, sagt die Fremdenführerin.

Überbleibsel vom Mittelalter

Die meisten Keller gelten als Überbleibsel von mittelalterlichen Fachwerkhäusern, deren oberirdische Hälften 1689 beim Pfälzischen Erbfolgekrieg zer-stört worden waren. Die Gewölbe der Häuser gerieten in Vergessenheit, weil viele Neubauten an anderen Stellen errichtet wurden. „Aber einige Keller werden schon seit Jahrhunderten als Wein-, Bier- und Vorratslager genutzt.“ Manche Gewölbe seien auch als Verstecke und Schutzräume in Kriegszeiten gebraucht worden.

„Und dabei gruben sich die Oppenheimer mit einfachsten Mitteln immer weiter durch den Lösslehm und Kalksandstein, bis ein ganzes Gängegewirr entstanden war“, erklärt Annette Pender-Bingenheimer. Es gibt sogar ein unterirdisches Kathedralgewölbe mit mehreren Brunnen und einer Jahrhunderte alten Madonnennische. Bis zu 600 Urlauber zieht es an manchen Tagen in die Oppenheimer Unterwelt. Einige Gewölbe werden im Sommer für Musik- und Theateraufführungen genutzt. Andere dienen ganzjährig als urige Schankstuben. Die Kellerei Gillot führt sogar Sektproben in ihrem „Hugenottenkeller“ durch und auch Hochzeitsfeiern in den Gewölben gab es schon.

Die Standsicherheit des unterirdischen Gängesystems ist nur bei fehlender Belüftung und Wassereinbrüchen gefährdet. „Dadurch sackte 1986 sogar ein Polizeifahrzeug in ein Gewölbe unter der Pilgersberggasse ab“, erzählt die Führerin. Inzwischen sei die Einsturzgefahr aber weitestgehend gebannt: Viele Gänge und Gewölbe sind saniert, also trockengelegt und neu belüftet worden, damit die Touristen staunen können.

Von Martin Seger

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