Im Oberallgäu werden noch die traditionellen Hörnerschlitten gebaut und gefahren

Mit Hörnern ins Tal

Mut gehört dazu: Beim Hörnerschlittenrennen bewältigen die Schnellsten die 1200 Meter lange Rennstrecke in knapp 90 Sekunden.

Die Wagnerei, im Norden auch Stellmacherei genannt, ist ein nahezu ausgestorbenes Handwerk. Schlittenbauer Rudolf Finkel aus dem Ostrachtal im Oberallgäu ist jedoch der lebende Beweis dafür, dass ein Wagner keinesfalls nur noch im Heimatmuseum seine Daseinsberechtigung hat.

In der vierten Generation betreibt der 65-Jährige seine Werkstatt in der Kurzen Gasse in Bad Oberdorf. Auch im Sommer stellt der gelernte Wagner seine in der Region um Bad Hindelang typischen „Hoanarschlitten“, wie die Hörnerschlitten im Allgäuer Dialekt heißen, aus heimischen Hölzern in Handarbeit her. „Bereits mein Großvater hat mit diesem Werkzeug Holzräder samt Wagen für die Landwirte im Ostrachtal hergestellt“, berichtet Finkel. Früher brachten die Bergbauern mit den Hörnerschlitten schwere Ladungen wie Holz oder Heu von den tief verschneiten Höhen über enge Wege ins Tal. Der bayerische Name „Hoanarschlitten“ leitet sich von den hornförmigen Kufen ab.

„Bereits mein Großvater hat mit diesem Werkzeug Holzräder samt Wagen für die Landwirte im Ostrachtal hergestellt.“

Rudolf Finkel

Mit der Entwicklung des Autos war es vorbei mit dem klassischen Aufgabengebiet eines Wagners. Das Gummirad verdrängte mehr und mehr die traditionellen Holzräder. Weil wirklich niemand mehr seine Dienste als Wagenbauer in Anspruch nehmen wollte, hat sich Rudolf Finkel bereits früh auf den Bau von Hörnerschlitten konzentriert.

„Ich habe mich damit auf die Wurzeln meines Berufsstandes besonnen. Früher haben Wagner neben Karren auch landwirtschaftliche Geräte aller Art, Dreschflegel, Rechen, Heugabeln und Schlitten zum Transport von Holz und Heu hergestellt“, berichtet Finkel. „Hölzerne Schlitten für Landwirte sind im winterlichen Allgäu bis heute unersetzlich.“

Hunderte von Schlitten haben seither seine Werkbank verlassen – hübsche, handgefertigte Hörnerschlitten für den Rodelspaß von Kindern. Viele Winterurlauber nehmen gerne die stabilen Unikate als Urlaubsandenken oder Geschenk für die Enkel mit nach Hause. Zum reinen Vergnügen nutzt man Hornschlitten erst heute.

Verwegene junge Männer, aber auch Frauen aus dem Oberallgäu haben die zwei bis drei Meter langen Schlitten in massiver Bauweise zur Gaudi als Sportgerät entdeckt.

Am 5. Januar 2012 wird in Finkels Heimatgemeinde bereits zum 13. Mal das Ostrachtaler Hörnerschlittenrennen ausgetragen. Jährlich melden sich rund 70 Mannschaften bei dem vom Hornerverein Ostrachtal ausgerichteten Spektakel an. Das im Bad Hindelanger Ortsteil Vorderhindelang veranstaltete Rennen zählt zum Alpen-Cup in dieser markigen Sportart.

Zehn wagemutige Damen- und 60 markige Männerteams werden Anfang Januar die beste und mutigste Mannschaft ermitteln. Die 1200 Meter lange Strecke wird dabei von den Schnellsten in knapp 90 Sekunden bewältigt. Spektakulärer Höhepunkt des Rennens ist aber die Gruppe der Hörnerschlittenfahrer, die in Tracht und mit Fracht – Holz oder Heu – beladen den Hang hinunter rasen.

Von Matthias Pieren

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