Zu Besuch bei Hubert Ilsanker, dem letzten Bergbrenner Deutschlands im Berchtesgadener Land

Hubsis Enzian ist der Beste

Besucher willkommen: In der Enzianbrennerei am Priesberg kann man die guten Tropfen probieren.

An Touristen war noch nicht zu denken, als der Untersteiner Gastwirt Grassl sein Brennrecht verliehen bekam. Das war im Jahr 1692. Wie bei allen Rechten verbanden sich damit auch Pflichten. So kann man in historischen Urkunden lesen, dass er „die Almen durch maßvolles, aber regelmäßiges Enzianwurzelgraben milchviehgerecht zu halten und Enzian zu brennen und zu verkaufen“ hatte. Das ist lange her. Die Tradition des Enzianbrennens jedoch blieb bis heute erhalten und wird nicht nur in Deutschlands ältester Brennerei im Tal der Berchtesgadener Ache gepflegt. Die besonders edlen Tropfen werden allerdings wie vor 300 Jahren weit oben auf dem Berg gebrannt, dort wo die Enzianblüten den Bergfrühling verschönern und der technische Fortschritt moderner Brennereien weit weg ist. Dort schwingt der Hubsi seine Grabegabel.

Es war Hubert Ilsanker schon als Fünfzehnjähriger klar, dass er einmal als Enzianbrenner auf dem Berg leben will. Ein Traum, der zu seinem Traumberuf geworden ist. Seit 23 Jahren ist der Hubsi nun in den Sommermonaten am Berg unterwegs. Aber so romantisch, wie es sich anhört, ist dieses Leben in und mit der Natur nicht immer. Zwar sind seine Frau Michaela und Sohn Xaver oft dabei, doch die Einsamkeit abseits der Zivilisation sei manchmal schwer, erzählt er. „Das ist aber natürlich nur in der Vor- und Nachsaison so“, ergänzt er schmunzelnd. „Wenn die Schulferien für einen Urlauberansturm sorgen, ist es auch bei mir hier oben mit der Ruhe vorbei.“ In diesen Monaten zieht es nicht nur einzelne Wanderer, sondern ganze Wanderfamilien hinauf zur Enzianbrennerei am Priesberg, rund 1500 Meter hoch gelegen.

Das Kochen der Maische und danach das Brennen, sind Arbeiten, bei denen auch etwas Zeit für andere Beschäftigungen übrig bleibt. Zum Beispiel für das Schreiben eines Tagebuches, aus dem sogar ein richtiges „Langsamlesebuch“ entstanden ist.

Die Enzianernte, das Wurzelgraben, ist dagegen richtige Knochenarbeit. Erst auf einer Höhe von über 1000 Metern ist der wilde Enzian mit seinen violetten Blüten zu finden – und das zumeist Kilometer entfernt von der Brennhütte. Mit einer Spezialhacken gräbt Hubert Ilsanker nach den tiefen Wurzelstöcken der Pflanze. „Bis zu zwei Kilogramm schwer kann eine Wurzel sein“, erzählt Hubsi während er seine Tagesernte auf der Hackbank ausbreitet. „Wir nehmen aber nur den oberen Teil des Wurzelstocks. So erholt sich die Pflanze wieder und ihre Blüten zieren die Almwiese im nächsten Jahr erneut.“

Mehr als nur ein Bergbrenner

Ist der Bergbrenner einmal nicht in seiner Hütte zu finden und auch nicht mit der Hacke unterwegs, kümmert er sich sicher gerade um eine der anderen Brennhütten, die die Firma Grassl, sein Arbeitgeber, hoch in den Bergen betreibt. So zum Beispiel am Funtensee, dem kältesten Ort Deutschlands. Dort wird der edelste und teuerste Enzian gebrannt.

Es kann aber auch sein, dass Hubsi hinab ins Tal gestiegen ist, die Posaune im Gepäck. Gemeinsam mit seinen Freunden Helmuth und Michael spielt er als das „Oxn-Aug’n Trio“ in vielen Hotels zünftig auf. Übrigens ein Zweitberuf, den schon sein Ururvorgänger betrieben hat: Sylvest Grassl, der Gründer der Firma, machte bereits vor über 300 Jahren mit seiner ganzen Familie Musik, um zum kärglichen Brot des Enzianbrenners etwas dazu zu verdienen. Er war beliebt und gern gesehen bei den Menschen im Tal. So wie heute Hubert Ilsanker – Hubsi, der letzte Bergbrenner Deutschlands.

Von Axel Scheibe

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