Zum Mountainbiken nach Umbrien

Irgendwo im Nirgendwo

Viel See und viele Mountainbiketrails: So lässt sich das Revier am Lago Trasimeno charakterisieren. Foto: Christian Schreiber

Blitzsaubere Rennräder lehnen an Tischen und Wänden der kleinen Bar. Die Trainingsgruppe ist zu Bier und Rotwein übergegangen, weil draußen der Regen auf Dächer und Straßen prasselt. Da kann man mit den dünnen Reifen nicht mehr fahren. Ganz zu schweigen von den weißen Trikots und Hosen, die porentief rein bleiben müssen. An unseren Leibchen hingegen klebt der Dreck der umbrischen Felder und Wege. Mühsam haben wir uns mit den Mountainbikes durch die Äcker gepflügt. Die Bar ist nur eine Zwischenstation.

Mountainbiker lassen sich von schlechtem Wetter nicht stoppen. Schon gar nicht am Lago Trasimeno, wo man schon jetzt im Frühjahr ideale Bedingungen vorfindet. Während die Bikereviere in den Alpen noch den Skifahrern gehören, bietet die Region in Mittelitalien das perfekte Terrain für die Vorbereitung auf die Saison. Niemand muss sein Rad in die Gondel hieven oder sich erst lange Anstiege empor quälen, um anspruchsvolle Trails zu erreichen. Dafür ist man oft stundenlang unterwegs, ohne eine Menschenseele zu treffen.

Weil es meist keine Wegweiser gibt oder die Beschilderung einer Logik folgt, die nur Italiener verstehen, hat man als Bike-Neuling in Umbrien allerdings nur zwei Möglichkeiten, sich durch den wilden Wald zu schlagen: Entweder nutzt man ein GPS-Gerät oder schließt sich einem Guide an. Unserer heißt Michael, stammt aus Südtirol, und ist manchmal ein bisschen experimentierfreudig. Wir stehen schon irgendwo im Nirgendwo, als er vorschlägt, „mal etwas Neues auszuprobieren“. Wir nehmen einen Trampelpfad ins Dickicht, nach 20 Metern müssen selbst die Cracks absteigen und schieben. Michael ruft begeistert: „Hier ist schon mal einer gefahren.“ Ja, aber höchstens mit dem Traktor. Nach zehn Minuten Mountainbikeschieben sind wir wieder auf dem Weg. „Manchmal findet man neue Trails und freut sich.“

Es bleibt zum Glück bei einem Ausflug in die Wildnis. Wobei wir uns bei den Touren regelmäßig fragen, ob wir noch auf dem richtigen Pfad sind. Wir hoppeln über frisch gefurchte Äcker, abgemähte Felder, nicht-abgemähte Felder, folgen Wildschweinpfaden und Spuren kleinerer Tiere. Der Weg ist das Ziel – nirgendwo trifft diese Philosophie besser zu als in Umbrien. „Mountainbiken ist für mich das, was gerade noch zu fahren geht“, erklärt Michael.

Egal ob Panicale, Tavernelle oder Montegabbione – eine Bar hat immer offen. Einmal landen wir bei der 83-jährigen Eva, die sich flugs vom Kartenspiel erhebt und detailliert die richtige Espresso-Zubereitung erklärt. Zum Abschied schenkt sie Bonbons. „Damit ihr wieder Kraft bekommt.“ Die nächste Mittagspause führt uns zu Maria Pia, die ein Restaurant in Magione betreibt. Hier kommen Trucker, Arbeiter und Familien vorbei, um die berühmte „torta“ zu essen. Keine Süßspeise, sondern ein feuerig-frisches Fladenbrot, das mit allem gefüllt wird, was gerade in der Küche rumsteht. Irgendwann kommen wir auch wieder an der Bar vorbei, in der wir am Schlechtwetter-Tag waren. Diesmal scheint die Sonne. Drinnen prosten sich die Rennrad-Fahrer zu.

Von Christian Schreiber

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