Island - Auf eigene Faust durch die letzte große Wildnis Europas

Island unplugged: Die letzte große Wildnis Europas

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Die letzte große Wildnis Europas: Island.

Reykjavik - Wenn ein Musiker ohne Verstärker oder sonst irgendeinem technischen Schnickschnack auskommt, so nennt man solche Konzerte unplugged, zu Deutsch: nicht ans Netz angeschlossen. Island kann das – unplugged sein und begeistern.

Unser Autor Ingo Wilhelm und seine drei Reisebegleiter haben Island erlebt, zu Fuß und auf eigene Faust. Was sie dabei entdeckten war der neue Luxus Einsamkeit in der letzten großen Wildnis Europas.

Reykjavík, nördlichste Hauptstadt der Welt, die vor einem Jahr als Pleite-Stadt Schlagzeilen machte. Vom Beinahe-Staatsbankrott ist zunächst nichts zu spüren. Die Busse verkehren fahrplanmäßig, die Straßen sind gefegt. Aber am Hafen: eine riesige Bauruine. Die Arbeiten am Konzertzentrum ruhen seit fast einem Jahr. Wir passieren den Rohbau und die Pleite-Bank Kaupthing auf dem Weg zum Supermarkt, wo wir Lebensmittel für unsere Trekkingtour besorgen. An der Kasse zeigt sich die erfreuliche Folge der Finanzkrise: Seitdem die Krone gegenüber dem Euro an Wert verloren hat, ist Island zu einem erschwinglichen Reiseziel geworden.

Island und seine magische Natur

Island-Natur-Wandern
Der Gullfoss, einer von Islands prächtigsten Wasserfällen. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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In den Straßen von Reykjavik ist der Meerblick inklusive. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Fischfang ist nach wie vor der wichtigste Wirtschaftszweig in Island. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Pippi Langstrumpf würde sich hier ihren isländischen Hotdog holen. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Bei Búllan am Hafen gibt's geniale Burger. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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"Hval" heißt Wal. Was mit diesen Schiffen wohl gefangen wird? © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Der Nordatlantik mal ganz zahm. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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An diesem See driften die eurasische und die amerikanische Erdplatte auseinander. Die Dampfsäulen im Hintergrund kommen aus Geothermal-Kraftwerk. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Lieblings-"Sport" der Isländer: Angeln. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Ins Hochland kommt man nur über staubige Pisten. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Keine Angst, sie sind nicht tot. Island-Pferde legen sich seelenruhig zum Schlafen auf die Seite. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Gleich kommt's... © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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...jetzt! © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Am Geysir, dem Namensgeber aller Wasserfontänen, warten die Touristen geduldig auf den nächsten Ausbruch... © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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... und werden alle paar Minuten mit einer imposanten Fontäne belohnt. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Isländer lieben Fast-Food und Skyr. Das ist eine Art cremiger Joghurt, der mit Blaubeeren am besten schmeckt. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Bei Sonnenschein strahlt der "Goldfall" am schönsten. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Stichwort Sonnenschein: Nur wenige Kilometer unterhalb des Polarkreises kann man tatsächlich T-Shirt-Wetter erleben. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Dann geht's mit dem Linienbus ins Hochland. Brücken? Gibt's nicht. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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In den bunten Bergen von Landmannalaugar... © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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...kann man eindrucksvolle Wanderungen machen. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Bauer Sigurdur bringt uns mit dem Allrad-Van ans Ende der Welt. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Ein Hauch von Karibik in der Mondlandschaft: Langisjor heißt dieser See. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Morgenstimmung über unserem Zeltlager am Sveinstindur. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Manchmal ist die Trekking-Route als Trampelpfad erkennbar. Manchmal ist man ohne GPS-Gerät verloren. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Trekker-Frühstück. Nur leichte Sachen kommen in den Rucksack. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Entspannung nach einer langen Wanderetappe. Direkt neben dieser heißen Quelle kann man sein Zelt aufschlagen. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Am Myrdalsjökull. Islands Gletscher bedecken riesige Landstriche. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Abstieg in die Vulkanspalte Edlgja. Vermutlich im Jahr 934 strömten hier neun Kubikkilometer Lava aus. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Gegen diese Schlucht verblasst sogar der Grand Canyon. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Der Zeltplatz bei der Emstrur-Hütte auf dem Fernwanderweg Laugavegur. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Hose runter! Flüsse müssen zu Fuß durchquert werden. Wassertemperatur: eisig! © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Die Wanderhütte Hvanngil. Sein Essen muss man selbst mitbringen. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Tatsächlich, es gibt auch schlechtes Wetter in Island. Dann wird die Landschaft richtig schön mystisch. © Dirk Wilhelm/genussberge.de
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Vorne Wollgras, hinten Sandsturm. Idylle und Naturgewalt liegen nah beieinander. © Dirk Wilhelm/genussberge.de


Reykjavík, Busbahnhof: Wir besteigen den allrad­getriebenen Linienbus ins Hochland. Nach dreieinhalb Stunden, teils auf abenteuerlichen Schotterpisten: Ankunft in Landmannalaugar. Der Zeltplatz ist nördlicher Endpunkt von Islands beliebtestem Weitwanderweg, dem Laugavegur. Der Bursche an der Rezeption spricht von einem Besucherrekord in diesem Krisenjahr. In den Tümpeln bei den ­heißen Quellen baden Dutzende Rucksacktouristen. Nein, Landmannalaugar ist kein Ort mehr für die Einsamkeit. Am nächsten Morgen lassen wir uns von Sigurður ans Ende der Welt bringen. Zum Startpunkt unserer Trekkingtour.

Island, die Vulkaninsel im Nordatlantik, ist so groß wie Bayern und Baden-Württemberg zusammen, hat aber nur 300 000 Einwohner. ­Davon leben 80 Prozent im Großraum Reykjavík, der Rest an den Küsten. Das gesamte Hochland im Insel­inneren ist so gut wie unbewohnt. Nicht einmal asphaltierte Straßen gibt es dort, nur Jeep-Pisten mit teils gefährlichen Flussfurten. Sigurður, von Hauptberuf Landwirt, chauffiert uns im betagten Allrad-Van über immer schmalere Wege, bis am Ufer des Gletscherflusses Skaftá ein Häuschen auftaucht: die Sveinstindur-Hütte, Startpunkt unserer Wanderung, die bis an die Südküste führen soll.

Zum Aufwärmen (es hat jetzt im Juli gerade mal 12 Grad) unternehmen wir eine Nachmittagstour auf den 1090 Meter hohen Sveins­tindur, einen Aussichtsberg am Westrand des Vatnajökull, Islands mächtigstem Gletscher. Zwischen uns und dem endlosen Eis ­funkelt der fjordartige See Langisjór. Soweit das Auge reicht: bizarr geformte, teils moosbewachsene Berge aus Lava und Asche. In den ­Tälern mäandern Bäche. Endlose Weite, keine Menschenseele. Bis auf die angelsächsische Wandergruppe, die sich in der Sveinstindur-Hütte eingenistet hat.

Islands Hochlandhütten sind Selbstversorgerunterkünfte, unterwegs gibt es keine Einkaufsmöglichkeit, man muss also seine kompletten Essensvorräte selbst mitbringen. Wer ein festes Dach überm Schlafplatz wünscht, sollte seinen Platz im Matratzenlager vorreservieren. Wir bevorzugen die Unabhängigkeit, ziehen Zelt und Gaskocher los. Wildes Campieren ist in Island erlaubt, ausgenommen in Nationalparks. Trotzdem übernachten wir meist in der Nähe der Wanderhütten, die immer einen Tagesmarsch voneinander entfernt sind. So können wir die Toiletten mitbenutzen und bei Dauerregen oder Sturm in der Hütte Unterschlupf suchen. Letzteres wird allerdings nicht nötig sein: Von unseren zehn Tagen im Hochland bleiben neun – allen isländischen Wetter-Vorurteilen zum Trotz – ganz ohne Niesel, Regen oder Schnee. Reykjavík verzeichnet den trockensten Juli seit 1956.

Unsere Trekkingroute führt zunächst an der Skaftá entlang, die bald über ein Waschbrett aus Felsen rauscht. Ein mehrarmiger Nebenfluss zwingt uns erstmals, die Hosen auszuziehen und die Furtsandalen anzulegen. Zum Glück ist die Strömung schwach, und die Nadelstiche des eisigen Wassers reichen nur bis zur Wade. Weiter geht’s durch eine enge Schlucht mit Lavagebilden, die wie versteinerte Trolle erscheinen. Der Weg ist weder beschildert noch mit Pflöcken markiert. Mal ist ein Trampelpfad zu sehen, mal wären wir ohne das GPS-Gerät ­verloren. Durch ein Tal ­voller Wasserläufe und Wollgras gelangen wir nach 17 Kilometern zur nächsten Hütte, an der wir zelten. Fauchend erhitzt der Campingkocher das Wasser für die Trekkingmahlzeiten. Diese Fertiggerichte, denen die Feuchtigkeit entzogen wurde, wiegen wenig und schmecken nicht schlecht.

Obwohl Julinächte in Island nicht dunkel werden, kriechen wir schon um neun in unsere Daunenschlafsäcke. Nach einem Morgenmüsli mit Wasser und Kaffeeweißer durchwandern wir die vier Kilometer lange Vulkanspalte Eldgjá. Die Farben der Gesteinsschichten reichen von Pechschwarz bis Feuerrot. Ein Wasserfall ergießt sich über den 100 Meter hohen Spaltenrand. Moos federt unsere Tritte. Die Luft riecht – einfach nur nach Luft. Beim Wandern sind die Eindrücke so viel tiefer, als wenn die Landschaft nur am Jeepfenster vorbeirauscht. Schritttempo ist Seelentempo. Mit jedem Meter nähert sich das Gemüt einem meditativen Zustand. Banale Alltagssorgen weichen existenziellen Fragen: Wie bleibe ich warm? Wie stille ich meinen Hunger? Wo finde ich Wasser? Letzteres ist leicht zu beantworten: Man kann aus nahezu jedem Bach trinken.

Reiseziel Island

REISEZIEL: Island ist mit 103 000 Quadratkilometern nach dem Vereinigten Königreich der flächenmäßig zweitgrößte Inselstaat Europas. Die im Nordatlantik liegende Hauptinsel ist die größte Vulkaninsel der Welt und befindet sich knapp unter dem nördlichen Polarkreis. ANREISE: Günstige Direktflüge von München nach Reykjavik bietet Air Berlin: Die einfache Strecke gibt es im August ab 139 Euro inklusive Steuern und Gebühren.
WELCHER REISETYP: Für ein Trekking in Island braucht man Abenteuerlust, gute Kondition, Trittsicherheit und Wetterfestigkeit. KLIMA/REISEZEIT: Die durchschnittliche Höchsttemperatur im Juli liegt in Reykjavik bei etwa 14 Grad. Im Hochland ist es merklich kühler und zudem meist windig. Oft wechselt das Wetter innerhalb von Stunden. Die Monate Juli und August bieten vergleichsweise stabiles Wetter, keine Probleme mit Schnee.
REISEBUDGET: Wer die Trekking-Mahlzeiten aus Deutschland mitbringt, braucht auf der achttägigen Tour weitere Lebensmittel im Wert von etwa 30 Euro. Die Zeltgebühr kostet rund 4,50 Euro pro Person, ein Übernachtung in der Hütte etwa das Dreifache. Die Hochlandbus-Fahrten schlagen mit etwa 65 Euro zu Buche (Infos: www.re.is). Eine Nacht im Doppelzimmer mit Frühstück im empfehlenswerten Mittelklasse-Hotel Leifur Eiriksson (www.­hotelleifur.is) in Reykjavik kostet 52 Euro pro Person. Weitere Preisbeispiele: 0,5 Liter isländisches Bier in einer Bar: 4,50 Euro; Burger mit Pommes und Soft-Drink bei „Búllan“ am Hafen: 7,15 Euro; Whale-Watching: 45 Euro. MIETWAGEN: sind in Island nach wie vor recht teuer. Wer ins Hochland fahren möchte, braucht ein geländegängiges Auto, die es erst ab 1300 Euro pro Woche gibt.
AUSRÜSTUNG: Beim Wandern muss man besonders gut gegen Kälte und Nässe gewappnet sein. Um sich nicht zu verirren, ist ein GPS-Gerät ratsam. Es gibt eine Art Bergwacht, man hat jedoch nur selten Handy-Empfang. Von Mücken wird man so gut wie nie geplagt.
ROUTE: Auf Anfrage (E-Mail an draussen@tz-online.de) schicken wir Ihnen gerne den GPS-Track der geschilderten Tour.
ORGANISIERT: Die Geographische Reisegesellschaft bietet die beschriebene Trekking-Tour als organisierte Wanderreise an. Infos unter www.geo-rg.de, Tel. 0251/523060. Dort können sich Individualreisende auch den Transfer zur Sveinstindur-Hütte (450 Euro für bis zu sechs Personen) organisieren lassen.
LEICHTE ALTERNATIVE: Der Laugavegur ist eine eindrucksvolle Trekkingtour für Einsteiger. Er ist mit Pflöcken markiert und führt über vier oder fünf Etappen von Hütte zu Hütte. Alle nötigen Infos dazu enthält das Buch „Island – Trekking-Klassiker“ von Erik van de Perre, Conrad-Stein-Verlag. WEITERE INFOS: Isländisches Fremdenverkehrsamt, Tel. 06102-254484, www.icetourist.de. Die Internetseite www.isafold.degibt einen Überblick über Weitwanderrouten.
DAS BUCH: Cool Hotels – Best of Europe Verlag teneues 396 Seiten, 650 Farbfotos ISBN 978-3-8327-9235-0 Preis: 79,90 Euro

In Hólaskjól, einem belebten Zeltplatz an der Haupt-Hochlandpiste, können wir endlich mal wieder duschen. Sigurður hat hier unsere Fresspakete deponiert, sodass wir Proviant für die verbleibenden Tage nachfüllen. Mit fast 25 Kilo schweren Rucksäcken gehen wir die längste Etappe an. 23 Kilometer. Zunächst bremsen zwei oberschenkeltiefe Furten (Ist das kalt!). Dann stellt sich ein bemooster Hügel nach dem anderen in den Weg. Der Nacken schmerzt unter den Rucksackriemen, die Beine werden zu Blei. Doch uns treibt die Vorfreude auf den schönsten Zeltplatz der gesamten Tour. Strutslaug heißt die natürliche Badewanne, die wir an diesem Abend ganz für uns allein haben. Stundenlang entspannen wir im 35 Grad warmen Wasser, das aus einer schwefeligen Quelle in ein Becken sprudelt. Nachts fallen frostige Böen aus den Bergen herab. Da muss die Wollmütze als Schlafmütze herhalten.

Zum Frühstück peppen wir das Instant-Rührei mit frisch gepflücktem Thymian auf, ein Festmahl in der Morgensonne! Dann noch einmal für eine Stunde in den Hot Pot – schließlich steht heute lediglich die fünf Kilometer kurze Etappe zur nächsten Hütte an. An den Hütten kostet die Campinggebühr pro Person umgerechnet rund 4,50 Euro, ein Drittel weniger als unser Trekkingbuch aus dem Jahr 2007 vermerkt. Der Hüttenwart gibt sieben Tausend-Kronen-Scheine als Wechselgeld und meint lakonisch: „So viel Geld und nichts mehr wert…“

Der nächste Tag führt uns am Gletscherrand durch eine surreale Lavawüste, wie von Dalí gemalt. Dann in einen Landstrich, den wir „Mittelerde“ taufen: Schwarzgrüne Berge erheben sich wie Drachenrücken aus der Ebene. Auf einen regnerischen und sechs Grad kalten Nachmittag folgt ein Sturm, der an den Zelten zerrt und schwarzen Sand durch die Belüftungsnetze ins Innere presst. Am Morgen ist der Himmel wieder blankgeblasen. Vom Zeltplatz setzt sich eine kleine Karawane in Bewegung. Wir sind mittlerweile auf den südlichen Teil des Laugavegurs eingebogen und streben mit einem kanadischen Abenteurer-Pärchen, drei spanischen Desperados und einem Trupp junger Isländerinnen in Richtung Thórsmörk. Dieses besonders eindrucks­volle Tal hat so mildes Klima, dass sogar Wald wächst. Unter dem Blätterdach der niedrigen Birken verbringen wir endlich mal eine windstille Nacht.

Ausgeschlafen zur letzten Etappe: 950 Höhenmeter geht es teilweise seilversichert steil hinauf auf einen schneebedeckten Pass, der zwischen zwei endlos weiten Gletschern hindurchführt. Am höchsten Punkt erblicken wir im Süden den Ozean und fallen uns in die Arme. Ziel in Sicht! In sanftem Gefälle senkt sich der Pfad bis auf Meereshöhe und spuckt uns direkt am berühmten Skógafoss aus. Dieser 160 Meter hohe Wasserfall ist über die ­Küstenstraße leicht zu erreichen, die Touristen kommen busladungsweise. Wir haben’s auf die harte Tour gemacht und sind stolz da­rauf, genehmigen uns einen typisch isländischen Hotdog und ein Víking-Bier aus der Dose – willkommen zurück in der Zivilisation!

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