Istanbul

Sight Seeing mit Schafsdarm und Sesam

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Itsanbul: Hunderte von Straßenverkäufern bieten in der Stadt am Bosporus exotischen Snacks an.

Istanbuls Istiklal-Straße ist ein Paradies für Naschkatzen. Hunderte von Straßenverkäufern bieten exotischen Snacks an. Touristen sind aus Angst vor Keimen allerdings oft skeptisch.

Führungen zum Thema Streetfood sollen Ängste abbauen und verführen zum Kosten.

In Massen wälzen sich die Menschen jeden Tag über die breite Istiklal-Straße der türkischen Hauptstadt Istanbul. Am Straßenrand werden aus roten Verkaufswagen goldgelbe Maiskolben, geröstete Kastanien oder Sesamkringel angeboten. In den verschachtelten Seitenstraßen stehen Verkäufer mit reisgefüllten Miesmuscheln auf Blechtabletts.

Viele Touristen halten sich von so etwas lieber fern, denn die meisten Reiseführer warnen vor Bakterien in den auf Klapphockern, Tabletts oder Karren angebotenen Speisen.

Banu Özden vom Kulinarischen Institut in Istanbul führt Besucher der Stadt sicher und keimfrei durch den Dschungel des türkischen Straßenessens. Seit etwa einem Jahr bietet sie Touren zum Thema Streetfood an. Gerade die Istiklal-Straße, in der zu Zeiten des osmanischen Reiches vor allem europäische Minderheiten wohnten, bietet eine Vielzahl unterschiedlicher Gerichte.

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“Die meisten davon sind von Ausländern hergebracht worden“, erklärt Banu. So auch Kokorec, das Leibgericht der Türken: Das dönerartige Fleischgericht haben die Armenier nach Istanbul gebracht. Unter dem Galata-Turm, der sich erhaben über die Dächer der Stadt erhebt, steht unter einem roten Sonnenschirm einer der bekanntesten Kokorec-Verkäufer Istanbuls. Er ist seit 20 Jahren mit seinem kleinen, blechernen Rollwagen hier. Darin hängt ein Spieß über glühender Asche, umwickelt mit Schafsdarm und gefüllt mit Innereien. Rasch nimmt der Mann eine Scheibe von dem Spieß ab, schneidet sie klein und brät den inneren, noch rosafarbenen Teil auf einem Grill mit Tomaten durch, bevor er das Fleisch in einem Stück Brot serviert.

Bei Banus deutschen Gästen kommen die gebratenen Schafsinnereien außerordentlich gut an: “Sehr lecker, total würzig“, sagt eine Frau. Auch die Türken selbst lieben ihr Kokorec. Seitdem in der EU diskutiert wurde, Kokoretsi, das griechische Äquivalent zu Kokorec, von der Straße zu verbannen, kocht auch in der Türkei die Gerüchteküche. Immer wieder behaupten Medien, Kokorec werde mit der EU-Annäherung in der Türkei verboten. Die Reaktionen der Bevölkerung sind teils hysterisch, aber auch kreativ: Ein türkischer Popsänger schrieb sogar ein Liebeslied an die gebratenen Schafseingeweide.

Dem Kokorecci am Galata-Turm dagegen sind solcherlei Gesetzesspielereien nicht so wichtig: Er muss sowieso mitsamt Stand und Sonnenschirm weglaufen, wenn einer der großen blauen Kastenwagen des Ordnungsamtes vorfährt, da sein Stand illegal ist. “Der Bürgermeister ist aber sein bester Kunde“, erzählt Banu. “Er ist also so halblegal.“

Nachdem sich Banus Gruppe durch einen frischgepressten Fruchtsaft mit Vitaminen versorgt hat, geht es weiter zu einer sehr lokalen Spezialität, dem Icli Köfte. Der Stadtteil Beyoglu ist bekannt für diese fast tennisballgroßen, frittierten Fleischbällchen, die eher aussehen wie Krapfen.

Auf dem hellblauen Stand prangt ein Porträt von einem lächelnden älteren Herrn. Herr Ali brachte es hier mit den Icli Köfte zum Erfolg. Er kam aus einer ostanatolischen Stadt nach Istanbul und machte einen Straßenstand auf. Vor sechs Jahren konnten die Nachfahren ein Restaurant eröffnen.

Den Straßenstand führen sie trotzdem weiter, in Gedenken an Herrn Ali. Der ist vor einem Jahr gestorben. Heute verkauft einer seiner sechs Söhne die goldgelben, tropfenförmigen Frikadellen am Stand. Er hat vor einer Woche einen Sohn bekommen und nannte ihn Ali - nach dem Großvater. Er hält der deutschen Gruppe eine Videokamera unter die Nase. “Hos geldin, Ali“ rufen diese lachend in die Kamera, “Willkommen, Ali.“

Nach dem dreistündigen Essensmarathon ein Verdauungskaffee in der Bar Manda Batmaz. “Der Name bedeutet “Der Büffel, der nicht sinkt““, sagt Banu und erklärt: “Der türkische Kaffee hier ist so stark, selbst wenn man einen Büffel daraufsetzen würde, ginge er nicht unter.“ Auf der Istiklal-Straße pressen sich derweil weiterhin Menschenmassen zwischen den Häusern entlang. Durch das Bimmeln der alten roten Straßenbahn und das Stimmengewirr klingt ein immer wiederkehrender Ruf: “Buyurun, buyurun!“, “Bitteschön“, rufen die Straßenverkäufer.

Susanne Hefekäuser, dpa

Mehr Infos im Internet unter http://www.istanbulculinary.com/eng/

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