Im Triglav Nationalpark in Slowenien sucht sich jeder sein kleines Glück

Jedem sein Paradies

Sie steht immer im Mittelpunkt. Sie ist stolz und begehrt. Jeder will ein Foto von ihr. An diesem Winterabend trägt die Schöne ein weißes Negligee aus feinen Eiskristallen und lächelt postkartenperfekt aus der Ferne – und lässt niemanden an sich heran. Spieglein, Spieglein im See, wer ist die Schönste im Schnee? Die Insel Blejski Otok – natürlich! Sie ist das Aushängeschild Sloweniens, gleichermaßen beliebt bei Touristen, Einheimischen und Kalenderverlagen.

„Kleines Paradies“ sagt Simona Repinc-Urevc zärtlich. Ihre Augen schauen dabei verträumt ins Leere. Die 69-jährige Slowenin war Hausmeisterin auf der einzigen slowenischen Insel, die kaum größer als eine Tischdecke ist.

Gemeinsam mit ihrem Mann hat Simona Tagesausflügler bewirtet und die Glocken in der 400-jährigen Kirche aufgezogen. Ihre Kinder sind mit Schlittschuhen in die Schule gelaufen. Inzwischen lebt die lebenslustige Lehrerin in Rente wieder auf dem Festland und widmet sich ihrem Museum, das sie in einem alten Bauernhaus eingerichtet hat.

Schwiegermutterschnaps...

Drinnen sieht es aus wie in Urgroßmutters Zeiten. Simona schenkt den Gästen Schwiegermutterschnaps ein (schmeckt erst süß, dann bitter). „Früher hatten wir ein hartes Leben, heute ist Paradies – auch ohne Insel!“, sagt sie, nimmt einen Schluck von ihrem Tee und summt die slowenische Nationalhymne vor sich hin. Fremde kommen schon seit 1906 nach Bled. Es ist das Geburtsjahr der Eisenbahnstation. Zwei Stunden dauert die Fahrt vom österreichischen Villach. Am Berghang thront eine alte Burg, dahinter erheben sich die schneebedeckten Karawanken – eine perfekte Kulisse für die Schöne im See.

Obwohl es im Ort nur zwei Skilifte gibt, sieht man viele junge Leute auf der Piste und in den Cafés. Dort werden die kalorienberüchtigten Bleder Kremschnitten verkauft, die gar nicht so klebrig schmecken, wie sie aussehen. Die Pfunde lassen sich anschließend im Triglav Nationalpark wieder abtrainieren.

Mit Schneeschuhen geht es auf den Lipanci. Im Westen zwinkert der Triglav durch die Wolken, er ist mit 2864 Metern der höchste Berg im Land und in den gesamten Julischen Alpen. Wer ihn nicht bestiegen hat, so heißt es, sei kein echter Slowene.

...und Krainer Würstchen

Hüttenwirt Joe Tomc war schon dreimal oben. Aber seit er in den Bergen lebt, hat er keine Zeit mehr fürs Bergsteigen. Sein Zuhause ist die Bleder Hütte am Südosthang des Lipanci auf 1633 Metern. An manchen Tagen kommen über hundert Skitourengeher und Winterwanderer und wollen mit Krainer Würstchen und Tee versorgt werden.

An diesem Tag ist nichts los. Kein Wunder, draußen tanzen die Flocken um die Wette und der Rest der Welt verschwindet. Doch in der Hütte ist der Frühling ausgebrochen: Joes Frau hat frische Tulpen mitgebracht. Gelbe Plastikdecken schmücken die Tische. Joe serviert ausnahmsweise Rindsbraten, so als wolle er sich für das schlechte Wetter entschuldigen. „Seit zwölf Jahren lebe ich hier und die Arbeit ist schwer. Aber ich fühle mich einfach wohl“, sagt Joe und seine Augen leuchten hinter dicken Brillengläsern. Auch wenn die Hütte kein Aushängeschild für Slowenien ist und kein Kalenderverlag danach fragt – für Joe ist sie sein Paradies.

Von Monika Hippe

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