Jeder Stein hat eine Geschichte

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Vielbesuchter Felsen: Der Sage nach soll im Süden der Insel Zypern Aphrodite dem Meer entstiegen sein. 

Er liegt so schroff, so zerklüftet und kalksandsteinfarben da, wie tausende andere Felsbrocken auf Zypern auch. Trotzdem wird der hausgroße Klumpen täglich besucht, bestaunt und geknipst. Denn dort soll Aphrodite dem Meer entstiegen sein, die Göttin der Liebe, Schönheit und Fruchtbarkeit.

Sie erblickte das Licht der Welt nackt, per Schaumgeburt. Der Sage nach wurde sie aus Salzwasser mit dem unsterblichen Geschlechtsteil des Gottes Uranos, das Sohn Kronos seinem tyrannischen Vater abgehackt und ins Meer geworfen hatte, gezeugt. Kein Autor von Vorabend-Serien, kein Tourismus-Werbetexter könnte einem verwitterten Stein eine süffigere Story andichten als der Grieche Hesiod es etwa im Jahr 650 v. Chr. tat. Lange Zeit bloß ein kleines Kapitel Mythologie, heute Zyperns große PR-Saga. Denn feine Sandstrände wie an der Südküste, seichtes türkisblaues Wasser und mehr als 300 Sonnenstunden – das bieten Kreta und Zyperns andere Mittelmeer-Konkurrenten auch. Nicht jedoch Aphrodite als Alleinstellungsmerkmal. Gut, dass Hesiod gleich dran gedacht hat, seinen Erotik-Thriller als Mehrteiler anzulegen und ihn an mehreren touristisch reizvollen Schauplätzen spielen zu lassen.

Nummer zwei etwa ist einer für Wanderfreunde: Auf der Halbinsel Akamas im Nordwesten vergnügte sich Aphrodite unter einem Feigenbaum mit zahlreichen Liebhabern, darunter Adonis und Kriegsgott Ares. Als letzterer von seinem gut gebauten Nebenbuhler erfuhr, verwandelte sich Ares in einen tobenden Eber und tötete Adonis.

Der Duft von Thymian liegt in der Luft

Trotzdem ist der gemeuchelte Beau noch heute allgegenwärtig – auf Wanderweg-Schildern. Der „Adonis-Trail“ ist eine mehrstündige und anstrengende Tour durch eine Art naturbelassenen botanischen Garten: Orchideen, Tulpen und gut 600 weitere Pflanzenarten gibt es auf der Halbinsel. Der Duft von Thymian und Salbei liegt in der Luft. Am Strand ist eine Sperrzone für Meeresschildkröten, die dort ihre Eier ablegen, eingerichtet. Auch Aphrodite trifft man dort wieder, diesmal als Namensgeberin eines Naturlehrpfads und ihrer antiken Badewanne. Das Bad der Aphrodite ist ein idyllisch gelegener Quellteich in einer baumumstandenen Grotte. Die Sage erzählt, Aphrodite sei dort von Akamas, dem Sohn des Königs Theseus, beim Baden überrascht worden, habe sich in ihn verliebt und mit ihm dort einige Zeit im Verborgenen verbracht.

In der Hafenstadt Paphos hat Aphrodite Pause und Apoll, Poseidon, Dionysos und Theseus bekommen ihre Star-Auftritte – in den weltweit einmaligen Mosaiken des Archäologischen Parks. Dem Weingott Dionysos war dort ein etwa 2000 Quadratmeter großes Haus gewidmet, der Mosaikfußboden ist weitgehend erhalten. Entdeckt wurde er erst im Jahr 1962, weil Bauer Hasip beim Pflügen dauernd stecken blieb, mitten in der „versteinerten Mythologie“ unter seinem Acker.

Zum Abschied gibt es Zivania aus dem Plastikkanister

Tavernenwirt Telemachos Ioannidis erinnert sich noch gut daran und bietet nicht nur eine mündliche Überlieferung der Geschichte, sondern – wie immer, wenn er erzählt – eine mit Händen und Füßen. Zwischendurch reicht er immer neue „Meze“-Köstlichkeiten nach: Hoúmmus (Kichererbsenpürree), Tachini (Sesampaste) und Challoúmi (eingelegter Weißkäse). In der „Taverna Metochi“ im Dörfchen Petochi sind diese typisch zyprischen Spezialitäten lecker und die „Absacker“ ziemlich speziell: Der Zivania, eine Art Grappa schwappt aus einem rosa Plastik-Kanister in die Gläser und anschließend als guter Liter noch in eine leere Wasserflasche. Keiner solle in den nächsten Tagen verdursten, raunt Telemachos augenzwinkernd und spielt vorm Abschied für seine Gäste noch rasch Blitz-Orakel: Mokkatasse umdrehen, Kaffeesatz auf die Untertasse rinnen lassen und dann aus dem Verlaufsmuster in der Tasse die Zukunft weissagen. Seine Prognose: Noch zwei Kinder oder mehr. Bestimmt hat Aphrodite ihre Finger im Spiel.

Reisetipps und Informationen

Beste Reisezeiten sind das Frühjahr und der Herbst, wenn es auf der drittgrößten Insel des Mittelmeers angenehm warm, aber nicht zu heiß ist.

Anreise: Mit zahlreichen Fluggesellschaften, z.B. Lufthansa, Czech Airlines, Malev, ab rund 400 Euro pro Person. Günstigster sind Charterangebote und Pauschalreisen, z.B. von Neckermann: eine Woche in der Viersterne-Anlage „Aktea Beach Village“ im Ort Ayia Napa all inclusive ab 605 Euro pro Person. (www.neckermann-reisen.de) Besonderheiten: Zypern ist seit 2004 EU-Mitglied, folglich ist die Einreise mit dem Personalausweis kein Problem. Allerdings haben die im vergangenen Jahrhundert lange die Insel beherrschenden Briten ihr den Linksverkehr und englische Steckdosen hinterlassen, für die man einen Adapter braucht.

Reiseliteratur: DuMont Reisetaschenbuch von Andreas Schneider, DuMont Reiseverlag 12 Euro oder „Zypern“ aus der Reihe Vis-à-Vis, Verlag Dorling-Kindersley, 16,90 Euro.

Informationen: www. visitcyprus.com

Von Stephan Brünjes

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