Die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte ist das älteste Naturschutzgebiet in Bayern

Jungfernflug am Eiszeitsee

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Den Blick fürs Wesentliche in der Natur: Mit einem Kescher fängt Ursula Grießer die Insekten aus dem Wasser und zeigt sie in einer Becherlupe herum, als wären sie wertvolle Juwelen.

Die Eggstätt-Hemhofer Seenplatte ist das älteste Naturschutzgebiet in Bayern.

Von weitem muss es merkwürdig aussehen, wie Ursula Grießer in den Himmel schaut, zwischen Schilf und Wolken mit dem Finger eine Linie in die Luft malt, sich dabei um die eigene Achse dreht und plötzlich eine Kehrtwende macht und auf das Gebüsch zeigt. Sie folgt der Becher-Azurjungfer – einer Libellenart mit türkisfarbenem Körper. Deren filigranen Flügel knistern. Noch bevor jeder sie entdeckt hat, fliegt sie davon. „Man muss sich erstmal einschauen, sonst sieht man sie nicht“ sagt Ursel und lacht als ihr ein Grashüpfer aufs grüne T-Shirt springt. Die 36-jährige Biologin und Naturpädagogin aus Taufkirchen am Inn führt an der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte Besucher in den Mikrokosmos der Libellen.

Hügel und Tümpel

Der größte der zehn Seen hat eine Fläche von einem Quadratkilometer, andere sind so klein, dass man sie in keiner Karte findet. Die Landschaft mit einer Vielzahl kleiner Hügel und Tümpel entstand vor zehntausend Jahren, als sich Eisblöcke von den sich zurückziehenden Gletschern trennten und unter Schotter begraben wurden. In einer späteren Warmzeit schmolzen diese Toteisblöcke und formten Kessel und Mulden.

In dem Seengebiet sind ein Drittel der etwa 80 mitteleuropäischen Libellenarten heimisch. Sie tragen poetische Namen wie Adonislibelle, Teichjungfer, gebänderte Prachtlibelle oder gefleckte Smaragdlibelle. Eine der seltensten ist die zierliche Moosjungfer. Sie hat durchsichtige Flügel, an deren Rändern weiße Male kleben.

Schöne Monster

Verwandlungskünstler: Aus einer Larve  entpuppt sich ein bildhübsches Geschöpf mit hauchzarten Chitin-Flügeln.

Am Kesselsee beugen sich die Äste tief über die Wasseroberfläche. Darauf dümpelt ein altes Holzboot. Es ist mucksmäuschenstill. Nur manchmal gluckst es leise, wenn Fische nach Fliegen schnappen. An einem Schilfhalm dockt eine Pechlibelle an. Der grazile Körper schimmert bläulich. Trotz ihrer zarten Statur sind Libellen räuberische Fleischfresser. Ihre Larven sind sogar Kannibalen. Sie ernähren sich von Artgenossen, Kaulquappen und Wasserflöhen. „Leider sind die Verhaltensweisen bisher sehr wenig erforscht. Die meisten Wissenschaftler spießen sie nur auf und stellen sie ins Museum“, bedauert Ursel.

„Besonders schön sieht es aus, wenn sich Männchen und Weibchen in einem herzförmigen Paarungsrad vereinen“, schwärmt sie. Doch wer näher hinsieht kann in der schönen Libelle auch ein Monster entdecken. Mit ihren spinnenhaften Fangarmen und den 3000 Facettenaugen diente sie schon als Vorlage für Aliens in Horrorfilmen.

Filigrane Flugkünstler

„Libellen sind echte Flugakrobaten. Sie können lange in der Luft stehen, abrupt die Richtung wechseln und sogar rückwärts fliegen. Entgegen der landläufigen Meinung stechen sie aber nicht. Ursulas Herz schlägt nicht nur für Libellen sondern auch für Blutegel, Käfer und Eintagsfliegen. Mit einem Kescher fängt sie die Insekten aus dem Wasser und zeigt sie in einer Becherlupe herum, als wären sie wertvolle Juwelen: eine Wanze, die auf dem Rücken schwimmt, eine Köcherfliege, die nur in absolut sauberem Wasser lebt. Auf dem Rückweg raschelt ein leichter Wind in den Bäumen, überall summt und surrt es. Doch sobald die Sonne untergeht, wird es ganz still im Paradies der Libellen.

Reisetipps und Informationen

Informationen: Chiemsee-Alpenland Tourismus, T 0 80 51 / 96 55 50, www.chiemsee- alpenland.de

Führungen mit Ursula Grießer: Durchs Libellenparadies, ca. 2,5 Stunden, 13 Euro, Biber, ca. 3 Stunden, 18 Euro, T 01 76 / 22 87 75 08, www.natur-aktiv- erleben.de

• Anreise: Mit der Bahn über München bis Bad Endorf am Chiemsee ab 29 Euro. Unabhängiger ist man mit dem Auto unterwegs. Auf der A 8 Richtung Salzburg bis zur Ausfahrt Bernau. Dort über Prien Richtung Bad Endorf. Am Kreisverkehr vor Bad Endorf erste Ausfahrt nehmen und der Beschilderung bis Eggstätt folgen.

Gut essen:
Das Hartseestüberl in Eggstätt hat einen schönen Biergarten am See. Hier gibt’s deftige Gerichte zu angemessenen Preisen, T 0 80 56 / 10 97, www.hartseestueberl.de
Der Gocklwirt in Stephanskirchen ist ein urgemütliches und exzellentes Restaurant. Auf der Karte stehen Gerichte wie Chiemgauforelle im Wurzelsud und bayerisches Kalbsrückensteak in Estragonrahm. Mi - So geöffnet, T 0 80 36/ 12 15, www.gocklwirt.de 
Tipp: Antiquitäten waren die große Leidenschaft des Inhabers Anton Rietz. Jahrelang hat er verhandelt, um die größte Kunstuhr der Welt für seine Sammlung zu ergattern. Sie hat 14 Ziffernblätter und wiegt 1250 kg. Inzwischen betreiben seine Tochter und ihr Mann das Restaurant. Die Vorführung der Uhr (auf Anfrage) dauert eine halbe Stunde.

Ausflugstipps rund um die Seen

Theaterzelt: Im Theaterzelt in Riedering amüsieren sich die Besucher köstlich beim bayerischen Stück „Himmegugga“. Ein schrulliger Sternengucker, der mit seiner Tochter in einer einsamen Berghütte lebt, wartet auf Außerirdische. Seit der Uraufführung 2006 ist die Vorstellung – inszeniert von Elfriede Ringswandl – jedes Wochenende ausverkauft. www.e-und-e-ringsgwandl.de 
Kloster Seeon:  Nördlich der Eggstätt-Hemhofer Seenplatte liegen die sieben Seeoner Seen. Auf einer Halbinsel streckt die Kirche des ehemaligen Benediktinerklosters ihre Zwiebeltürme sehr fotogen in den Himmel. Ein romantischer Ort für Hochzeiten. Eine Ausstellung zeigt die Entwicklung einer Schreibschule der Mönche. Dazu bietet das Bildungszentrum Wochenendseminare in Kalligrafie und Kinderworkshops in der Mittelalterlichen Schreibwerkstatt an. T 0 86 24 / 89 74 22 www.kloster-seeon.de

Therme Bad Endorf:

Wer den Strömungskanal , alle Becken und Saunen ausprobieren will, sollte einen ganzen Tag einplanen. Chiemgau Thermen, Ströbinger Straße 18, 83093 Bad Endorf, T 0 80 53 / 20 09 00, www.chiemgau-thermen.de

Von Monika Hippe

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