Grönland ist gerade im Winter eine Reise wert

Die Kälte lieben lernen

Ganz nah ran an den Eisberg: Der Fischerkutter nähert sich den eisigen Kolossen bis auf wenige Meter – man hört das Eis knacken und erlebt die durchdringende Kälte. Vom Wasser aus wirkt das Städtchen Ilulissat wie mit Zucker überhaucht.

Der Berg ist steil, steiler als er von Weitem aussah. In der Tourbeschreibung steht „hügeliges Fjellgelände“ – das hier ist mehr als hügelig. Egal, jetzt heißt es nur noch so schnell wie möglich den Berg hinauf laufen, hinten am Schlitten festhalten und unter gar keinen Umständen loslassen. So schnell es eben in Robbenfell und überdimensionalen, aber perfekt isolierenden Wintergummistiefeln geht. Die Hunde kennen den Berg – und keine Gnade. Sie gehen flott voran und ignorieren die zwei Touristen, die zu ihrer Erleichterung am Schlitten hängen statt drauf zu sitzen.

Das Herz schlägt bis zum Hals, die Beine gehen mehr automatisch denn gesteuert in Michelinmännchenmanier vorwärts und der Kopf schwirrt. „Ich kann nicht mehr“, sagt mein Nebenmann, dann „nicht loslassen, sonst purzeln wir wie die Vorausfahrenden den Berg wieder runter.“ Schließlich ist der Gedanke an einen Kollaps nicht mehr fern. Doch der Körper gibt nicht so schnell auf – schließlich kommen alle oben an.

Sicher ist aber, dass die größte Insel der Welt den Menschen ihre Grenzen aufzeigt. Grönland ist ein Land von atemberaubender Schönheit, beherrscht von unwirtlichen Bedingungen – trotz des Klimawandels. Das bekommen auch Touristen zu spüren. Denn hier sind sie so nah an der eiskalten Natur wie in kaum einem anderen Land.

Außenrum nur Stein und Eis

Nördlich des Polarkreises in Ilulissat beispielsweise, der drittgrößten Stadt Grönlands, leben 4000 Menschen, drei Mal so viele Hunde und einige wenige, vor ein paar Jahren eingeführte Katzen. Das war"s. Rundherum gibt es tausende Quadratkilometer Gestein, Wasser und Eis, keine Straßen, keine Verbindung zum Rest der Welt außer Hafen und Flughafen.

Auch wenn die Grönländer den Fortschritt, der sich beispielsweise an beheizten Wasserleitungen und fließendem Wasser im Haus zeigt, sehr schätzen, sind sie doch in ihrem Alltag von den Vorgaben der Natur bestimmt. Ist die See zugefroren, können keine Boote raus fahren. Und sind bestimmte Lebensmittel ausverkauft, kann es Wochen dauern, bis das nächste Schiff eine neue Lieferung bringt. „Das ist dann eben so. Ich schätze diese entspannte Art zu leben sehr“, sagt Ulf Klüppel. Der Flensburger lebt seit 18 Jahren auf Grönland, vor zehn Jahren ist er nach Ilulissat gezogen. „Das einzige, was ich vermisse, ist der Wald. Hier gibt es keine Bäume und auch keinen Garten. Das ist für mich und auch viele hier lebende Dänen wirklich schwer“, fährt er fort.

Doch dafür wird er entschädigt. Wie auch die Touristen. Denn ist man am Wendepunkt der Hundeschlittenfahrt angekommen, hat man einen umwerfenden Blick auf den Eisfjord, der auf der Weltnaturerbeliste der Unesco steht. Alle Anstrengungen sind vergessen. Es zählt nur noch die einmalige Schönheit der riesigen Eisklötze, das schier unendlich strahlende Weiß vor blauem Himmel.

Das kann man auch anders – und in klirrender Kälte – erleben. Während einer zweistündigen Bootstour auf einem knapp 15 Personen fassenden Holzkahn geht es ganz nah ran an die zum Teil sogar bläulich schimmernden Kolosse. Einer ist beeindruckender als der andere. Die zum Fotografieren aus den dicken Handschuhen geholten Finger schmerzen spätestens nach einer Minute vor Kälte. Doch was macht das schon? Um die Schönheiten dieser Insel zu erleben, nimmt man Zerreißproben gern auf sich.

Von Carolin Blumenstein

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