Auf den Spuren von Wilhelm Hauff: Eine Zeitreise im nördlichen Schwarzwald

Wo das „kalte Herz“ schlägt

Harte Arbeit: Nur mit Axt und Säge mussten die Waldarbeiter früher 18 000 Festmeter Holz pro Jahr für die Glashütte Buhlbach schlagen. Foto: Baumann

Das Märchen „Das Kalte Herz“ ist eine Geschichte, die nachweislich in der Gegend um Baiersbronn spielt. Das kleine Museum zeigt die alten Schwarzwälder Handwerke wie Köhlerei, Flößerei und Glasmacherei, wobei „Das kalte Herz“ und seine Figuren im Mittelpunkt stehen. „Vor fast 200 Jahren besuchte Wilhelm Hauff seinen Onkel im nahegelegenen Ort Schwarzenberg. Im dortigen Gasthaus „Sonne“ lernte er Holzhändler, Flößer und Glasmacher kennen, die ihn zu seinem Märchen inspirierten“, erzählt Museumsführer Johannes Smeets.

Im Mittelalter entstanden im Schwarzwald die ersten Waldglashütten. Es waren kleine Familienbetriebe, die aus Quarzsand, Pottasche und Kalk Glas herstellten. Glasträger trugen die Produkte in Kiepen auf schmalen Pfaden durch den Schwarzwald zu Adelshäusern, gut betuchten Familien und Klöstern. Erste Glasfabriken entstanden Mitte des 18. Jahrhunderts.

Zurück ins 19. Jahrhundert

Viel ist nicht übrig geblieben von der vor über 100 Jahren geschlossenen Produktionsstätte in Buhlbach. Aber viel haben sich die Angehörigen des Fördervereins „Glashütte Buhlbach“ vorgenommen. Im ehemaligen Gesteinsmahlhaus ist ein Museum eingerichtet. Dora-Luise Klumpp, die Vorsitzende des Vereins, und weitere Mitglieder führen jeden Mittwoch durchs Gelände und versetzen mit ihren Schauspiel-Aufführungen die Besucher zurück ins 19. Jahrhundert:

Eine schwarzgekleidete grauhaarige Dame schlendert am Gesteinsmahlhaus vorbei. „Guten Tag, Frau Böhringer“, wird sie von einer Nachbarin, die gerade Wäsche aufhängt, begrüßt. Anfang des 19. Jahrhunderts war ihr Mann Johann Georg der größte Arbeitgeber im Nordschwarzwald. 1845 beschäftigte die Glashütte 200 Menschen und produzierte über eine Million Sektflaschen.

Glas aus dem Schwarzwald

Der größte Abnehmer war die älteste deutsche Sektkellerei Kessler in Esslingen bei Stuttgart. In Stroh verpackt wurden die grünen Flaschen, die „Buhlbacher Schlegel“, mit Pferdefuhrwerken auf holprigen Wegen durch den Schwarzwald in die Städte transportiert. „Das Werk fertigte über eintausend Produkte wie geschliffenes Rubinglas, Blumenvasen, Biergläser, Butterdosen und sogar Uringläser“, informiert Dora-Luise Klumpp.

Durch einen regen Holzhandel mit den Niederlanden wurde der Schwarzwald stark ausgebeutet. Die Glashütten verschlangen ebenfalls enorme Holzmengen. „Eines Tages war der Schwarzwald kahl“, meint Klumpp: Befeuerung mit Steinkohle wurde zu teuer. Der Betrieb war nicht mehr konkurrenzfähig und schloss im Jahr 1909 ihre Pforten.

Neben der Fabrik haben Hans-Jörg Abend und Rolf Wein altes und neues Waldarbeiterwerkzeug aufgebaut. „Holzfäller zu sein war damals ein schwerer Job, und es war ein langer Weg bis zur heutigen Motorsäge“, erzählt Wein. „Mit Axt und Säge mussten 18 000 Festmeter Holz pro Jahr für die Glashütte Buhlbach geschlagen werden.“ Mit Seilen wurden die Stämme ins Tal hinabgelassen und dann auf dem Fluss Murg zur Hütte geflößt. So wie es Wilhelm Hauff in seinem Märchen beschrieben hat.

Von Dagmar Krappe

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