Wo der Kiwi frei lebt

Angekommen: Vor sieben Jahren hat Furhana Ahmad ihr Leben in London aufgegeben und ist nach Stewart Island gezogen. Foto: Howest

Leicht verspätet eilt sie gestikulierend herbei. „Hatte noch eine Gruppe aus England“, sagt Furhana, die Wildnisexpertin, und spricht vom erfolgreichen Kiwi Spotting der vergangenen Nacht. Nirgends sei die Chance größer, den Nationalvogel in freier Wildbahn zu sehen, als auf Neuseelands dritter Insel. Denn überall sonst würden die flugunfähigen Tiere mit dem langen Schnabel von Ratten, Katzen oder dem Possum bedroht. „Nicht auf Stewart Island“, sagt Furhana energisch, zu unberührt sei die Region und so ursprünglich wie vor Jahrtausenden.

Furhana hat ihren Traumjob gefunden. Sie führt Vogel- und Naturbegeisterte über verschiedene Tracks durch die Wildnis. Schnell das Gepäck aufs Boot verlagert, und schon steuert das Wassertaxi Ulva Island an, das Paradies für Vögel, Pflanzen – und Touristen, die Natur pur genießen wollen.

Vor sieben Jahren habe es sie erwischt, erzählt die gebürtige Britin indischer Abstammung, auf einer mehrmonatigen Reise durch Neuseeland. Zurück in London konnte sie an nichts anderes mehr denken. Stewart Island – hierhin musste sie zurückkehren, in diese Welt aus 300 Menschen, exotischen Regenwäldern und einer einzigartigen Vogelwelt.

„Ich bin einfach ins kalte Wasser gesprungen“, erzählt Furhana am Strand von Sydney Cove auf Ulva Island, immer mit dem Blick aufs Meer und einem Ohr im Regenwald. Buch für Buch hat sie sich die Charakteristiken über Flora und Fauna angeeignet, immer mit dem Wunsch, dass sie irgendwann ihr Wissen an andere weiter geben kann. Heute kennt sie jedes Tier, jede Pflanze mit lateinischem Namen.

Keine natürlichen Feinde

„Da vorn“, ruft sie und ermahnt mit dem Zeigefinger zur Ruhe „das ist der Stewart Island Robin“, ihr Lieblingsvogel. Dann erzählt sie mehr über die Bewohner dieses 250 Hektar großen Paradieses, einer von mehreren kleinen Inseln in der lang gestreckten Paterson-Bucht von Stewart Island. Von überall her tönen die Rufe der Tui und Makomakos, man sieht Kaka, Weka, Kakariki und Kereru. „Hier gibt es keine natürlichen Feinde“, erklärt Furhana diesen bunten Tummelplatz unterschiedlichster Vogelarten. Durch massiven Einsatz von Fallen und Gift sei das Eiland jetzt frei von Raubtieren wie Ratte und Possum. Sie hätten sonst die Pflanzen, die wichtigste Lebensgrundlage der Vögel, zu Tode genagt.

Furhana klettert über knorrige Wurzeln, üppige Farne und bemooste Stämme durch den „forest on top of the forest“, wie sie jenes Dickicht aus undurchdringlichem Urwald mit hoch gewachsenen jahrhundertealten Bäumen, umzingelt von einer wuchernden Pflanzenlandschaft, nennt. Immer wieder hält sie inne, lauscht, verweist, ist verwundert und verzückt – man könnte meinen, sie ist hier zum ersten Mal, so euphorisch ist sie. Ihre Begeisterung steckt an, ist mitreißend und nach vier Stunden Trekking hat man sich an die Klangwelten des Regenwaldes gewöhnt.

Aus der Ferne gesellt sich bald ein gleichmäßiges Rauschen dazu - das Meer kündigt sich an und irgendwann tut sich einer dieser Strände auf mit jenem feinen weißen Sand und einem wie gemalten Meeresblau – natürlich ganz ohne Menschen. Den Blick gen Horizont gerichtet als suche sie dass Südpolarlicht, bläst Furhana der eiskalte Wind aus der Antarktis ins Gesicht. Sie genießt diesen Augenblick. Die Frau aus London, die jetzt in einer Hütte im Wald lebt mit ihren besten Freunden, der Natur und den Vögeln.

Von Markus Howest

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