Eine Reise hinter die Tempelmauern in Südkorea

Auf Knien ins Nirwana

Schweigen ist Pflicht: Beim Barugongyang (Mönchsmahl) lernen Gäste die besonderen Regeln des Essens im Buddhismus kennen. Bei der Mahlzeit sind strenge Zeremonien einzuhalten. Fotos: Lädtke

Lee Charm lächelt. In seinem Büro in der Tourism Organization Seoul berichtet der vor 25 Jahren in Südkorea eingebürgerte Pfälzer davon, dass er seine Wahl-heimat als Reiseland erschließen will. Südkorea „hautnah“ erleben, rät er. Wie wörtlich dieser Vorschlag gemeint ist, spüren Komfort verwöhnte Mitteleuropäer aber erst beim Kniefall-Marathon im Mönchskloster Golgulsa.

Im neonhellen Speisesaal knacken zum ersten Mal die Knochen: Runter auf den harten Holzboden in den Lotussitz und mit Stäbchen das vegetarische Mahl aus vier Schüsseln picken. Wem Reis, Kimchi, scharfes Wurzelgemüse oder Seetang durch das Essbesteck flutschen, bezahlt mangelndes Geschick mit einem knurrenden Magen. Egal. Beim Sonmudo in der Trainingshalle geht das Grummeln ohnehin im dumpfen Poltern der Sprünge und im Knacken der Gelenke unter.

Die Knochen knarzen

Anfänger aus Asien, Amerika und Europa mühen sich redlich, Anweisungen zu Meditationstechniken und Boden-Übungen der Kampfsportart zu folgen: Auf die Knie fallen, Körper nach vorne beugen und „in die Cobra gehen“. Dann Stirn und Hände zum Boden strecken, aufstehen, nieder, aufstehen... Na gut, auch wenn die geknechteten Knie lamentieren – einfach mitmachen, was die andern tun. Fast neunzig Minuten dauert die sportive Schulung mit den Sonmudo-Lehrern. Die Muskeln zwicken, Schweiß perlt von der Stirn. Es ist zehn Uhr. Licht aus, Feierabend.

Von wegen „Land der Morgenstille“. Mit Stockschlägen auf einen Holzkorpus mahnt ein Mönch um vier Uhr früh gnadenlos zum Aufstehen. Draußen ist es finster wie im Sack.

In der schlauchförmigen Dhamma Halle kniet auf Sitzkissen die betende Morgenschar. Gedämpftes Licht, Schweigen. Die Seele relaxt. Ohmmm! Das war´s mit der Ruhe. Erst leise, dann immer lauter rezitiert ein Mönch spirituelle Texte. Sein Gesicht ist schweißgebadet. Glaubensbrüder und -schwestern folgen dem Meister leise murmelnd und mit Kniefällen auf dem Weg zum tiefsten Nichts, dem Nirwana.

Vor dem Gebetsraum streichelt frische Morgenluft das Gesicht. Mit gefalteten Händen vor der Brust folgen die Buddha-Schüler in zwei Reihen den Mönchen auf einen Heiligen Platz. Scheinbar Ewigkeiten von Meetings, Laptop und Verkehr entfernt, hängt über dem Openair-Ritual am Himmel ein blasser halber Mond. Orange-gelbe Lichtfetzen auf den Bergkämmen kündigen den jungen Tag an.

Von Manfred Lädtke

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